Calima – ein Wetterphänomen auf den Kanaren

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Calima – ein Wetterphänomen auf den Kanaren mit weitreichenden Folgen

 

Die Wüstenstürme ziehen über den Atlantik:

Fluch oder Segen? – Das ist hier die Frage!

La Palma-Residenten kennen das Phänomen, doch Touristen reiben sich die Augen und staunen: Plötzlich ist auf der sonst so licht- und sonnendurchfluteten Insel die Sicht auf Meer und Berge wie heute trüb bis nicht mehr vorhanden. Verantwortlich dafür zeichnet der sogenannte Calima, eine Wetterlage, bei der Sand aus der Sahara die Kanaren umwabert. Niemand ist davon begeistert – ein Blick über den Tellerrand des Archipels zeigt freilich, dass der windgepeitschte Wüstenstaub unglaubliche Auswirkungen auf Ökosysteme zu Wasser und zu Lande hat. Die Vielschichtigkeit dieser Wettererscheinung beleuchten wir zur Abwechslung mal in einem Essay.

 

Blick nach Süden und in die Berge bei Calima im Badeort Puerto Naos: Alles ist in ein diffuses Licht getaucht.

Calima in Puerto Naos: Alles ist in ein diffuses Licht getaucht.

Der Calima – auf den Kanarischen Inseln auch als trockener Nebel Bruma Seca bezeichnet – macht, was er will. Er erscheint bis zu zehnmal im Jahr. Er kann nur wenige Tage und – in zum Glück raren Fällen – auch mal eine Woche oder länger anhalten. Er bringt meist heiße Luft mit sich, seltsamerweise ist er aber auch manchmal überraschend kühl. Und der Calima kommt immer anders daher: Mal wird er von Windstille begleitet, mal hat er eine leichte Brise im Gepäck, und wenn es hart auf hart kommt, fegt er in Form von heißen Sturmwinden daher. Aber immer sinkt die Luftfeuchtigkeit rapide, und der ockerfarbene bis rötliche Staub bedeckt Autos und Häuser, schleicht sich in jede Ritze und reizt die Schleimhäute. Die Gesundheitsbehörden der Kanarenregierung geben deshalb bei hohen Staub-Konzentrationen in der Luft Warnungen insbesondere für Allergiker und Lungenkranke aus, sich nicht im Freien aufzuhalten. Feuermachen und die Arbeit mit funkensprühenden Geräten im Freien sind nun absolut tabu: Im Sommer trocknen bei länger anhaltendem Wüstenwind Wälder und Felder aus, die Bauern auf La Palma beklagen teils große Schäden, und die Waldbrandgefahr klettert in den extremen Bereich.

Sandfahnen eines Saharasturms: Erreichen die Kanaren und Kap Verden und ziehen sich je nach Windstärke weiter über den Atlantik bis Süd- oder Nordamerika. Foto: NASA

Sandfahnen eines Saharasturms: Erreichen die Kanaren und Kap Verden aus immer wieder anderen Richtungen und ziehen sich je nach Windstärke weiter über den Atlantik bis Süd- oder Nordamerika. Foto: NASA

Das Wetterphänomen entsteht in der Sahara, erreicht die westlich der afrikanischen Festlandwüste gelegenen kanarischen Inseln aber nicht zwingendermaßen aus östlicher Richtung: „Es kann durchaus vorkommen, dass der Saharasand zuerst über Madeira geblasen wird und später mit einem Nordwind, oder sogar aus Westen auf die Kanaren gelangt“, erklärt Roger P. Frey in seinem Buch „Wetter auf der Insel La Palma“.

Calima – Scirocco und Chamsin: die Wüstenwinde und ihre Namen

Die sandige Windfracht hat ein großes Potenzial und beschränkt sich keinesfalls auf die Kanaren. Denn sie entsteht durch einen mächtigen Sog, der sich bildet, wenn ein Hoch über der Sahara die Temperaturen ansteigen und die Luftfeuchtigkeit rapide sinken lässt. Bis zu 5.000 Meter hoch werden dann sogenannte Aerosole in die Atmosphäre gezogen, wo sie je nach Ausgangspunkt und Windrichtung weiter driften. Der Scirocco treibt sie nach Europa, der Chamsin weht sie nach Südosteuropa und Vorderasien, und der Passat schickt die Partikel auf die Kap Verden, auf die Kanaren und teils tausende Kilometer weiter über den Atlantik bis nach Südamerika, weiter nördlich in die Karibik und manchmal sogar bis Nordostamerika. Wie sich diese Sandfahnen aufs Weltklima auswirken, ist inzwischen Thema für viele Wissenschaftler geworden, insbesondere weil sich die Staubmenge in der Luft im 20. Jahrhundert stark erhöht hat.

Sahara-Sand: Vom Winde verweht düngt er den Atlantik…

Sandsturm in der Sahara: Die Partikel enthalten

Sandsturm in der Sahara: Die Staubkörnchen aus Afrika sind nährstoffreich und entpuppen sich beim Herabrieseln in den Atlantik als Dünger für Phytoplankton.

Klimaforscher und Meeresbiologen untersuchen seit mehr als zehn Jahren, was mit den Sahara-Partikeln auf ihrer Reise und ihrem sukzessiven “Fallout” in Richtung Westen über dem Atlantik geschieht – unter anderem mit Hilfe von Bojen, an denen sogenannte Sinkstoff-Fallen hängen. Daran sammeln sich die nach und nach – entsprechend ihrer Schwere – ins Meer rieselnden Wüstenteilchen an. Damit einhergehende Analysen mit dem Rasterelektronenmikroskop ergeben exakten Aufschluss über die chemische und mineralogische Zusammensetzung der Schwebstoffe und damit über ihre Herkunft. Im Verlauf dieser Studien stellte sich heraus, dass die afrikanischen Staubkörchen unter vielem anderen Stickstoff, Phosphor und Eisen transportieren. Grund: Die Zentralsahara war in prähistorischer Zeit ein See, und nach dessen Austrocknung besteht der Sand zum großen Teil aus den fruchtbaren Überresten seiner einst organischen Bewohner. Fazit: Insbesondere die stickstoffreichen Calima-Bestandteile “düngen” den Atlantik, indem sie das Wachstum von Phytoplankton fördern. Dies hat zwei Vorteile: Zum einen bildet Phytoplankton die Basis der Nahrungskette in den Ozeanen und fördert somit den Bestand aller möglichen Meeresbewohner. Zum anderen hoffen Klimaforscher, dass so der Treibhauseffekt minimiert wird. Denn die Mikroorganismen im Meer nehmen Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf – soll heißen: Je mehr Phytoplankton im Wasser, desto weniger CO2 in der Luft. Allerdings birgt zuviel Staubeintrag in den Atlantik potenziell auch Nachteile: unkontrolliertes Planktonwachstum und sauerstoffarme Bereiche…

Wüstenstaub “füttert” Pflanzen im Amazonasgebiet

Der Wüstenstaub weht manchmal bis nach Südamerika: Dünger für die grüne Lunge der Erde. Screenshot aus NASA-Video siehe unten

Der Wüstenstaub weht manchmal bis nach Südamerika: Dünger für die grüne Lunge der Erde. Screenshot aus NASA-Video siehe unten

Eine weitere bedeutende Düngerfunktion hat der Sand aus Afrika nach vorherrschender Expertenmeinung außerdem beispielsweise im Amazonasbecken, wo sich geschätzte 28 Millionen Tonnen pro Jahr ansammeln. Eigentlich müsste der Boden der grünen Lunge der Erde heutzutage durch Ausschwemmungen im Laufe der Zeit ausgelaugt sein. Dass der Regenwald dennoch wächst und gedeiht, führen Wissenschaftler auf den  per “Luftfracht” importierten, nährstoffreichen Mineralsand aus der Sahara zurück.

Den Forschern wird die Arbeit im Blick auf die interkontinentale Staubdrift nicht so schnell ausgehen. Denn die Vielzahl der damit verbundenen biogeochemischen Prozesse und deren komplexe Wechselwirkungen sind noch längst nicht erfasst. Unter vielem anderen wird beispielsweise ein Zusammenhang zwischen der Wüstenluft und Hurrikans vermutet, weil die über den Atlantik treibenden und abrieselnden Aerosole die Sonneneinstrahlung auf dessen Oberflächentemperatur um circa ein Grad vermindern können. So sinken die Chancen der Hurricans, denn sie brauchen warmes Wasser, um sich aufzubauen.

Last but not least: Hat sich eigentlich schon jemand Gedanken über die Teilchen des Sahara-Staubs gemacht, die seit Jahrtausenden im Zuge ihrer Reise nach Westen auch auf die Kanarischen Inseln plumpsen? Durchaus: Inmaculada Menéndez, Professorin an der Universität  von Las Palmas de Gran Canaria, schätzt, dass sich da im Lauf der Zeit eine beachtliche Menge angehäuft hat: “Mehr als 30 Prozent der Bestandteile der natürlichen Böden auf den Kanaren sind auf den Calima beziehungswseise auf Staub aus der Sahara zurückzuführen…”

Dieses NASA-Video zeigt die transatlantishe Reise des Wüstensandes ins Amazonas-Gebiet: Titel: Wie Saharastaub die Pflanzen füttert…

 

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