Gewalt gegen Frauen auf La Palma

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Interview mit Alicia Pérez Bravo,

Chefin der Unidad contra la Violencia sobre la Mujer auf La Palma

“Die Frauen auf La Palma müssen sichtbarer werden!”

Alicia Pérez Bravo ist die Beauftragte des spanischen Staates auf La Palma zur Koordination und Kontrolle aller Organisationen und Personen, die im Bereich Gewalt gegen Frauen auf der Insel aktiv sind. Ein verantwortungsvoller Posten, in dem die 42jährige Palmera aus Mazo auch viel Leid sieht. Die Jefa de la Unidad contra la Violencia sobre la Mujer berichtet in unserem Interview, wie die Dinge auf La Palma im Jahr 2017 stehen.

 

Alicia Pérez Bravo: Die Chefin der staatlichen Einheit gegen Gewalt über Frauen hat einen ernsten Job, lacht aber auch gern.

Alicia Pérez Bravo: Die Chefin des staatlichen Gewalt gegen Frauen-Referats hat einen ernsten Job, lacht aber auch gern mal.

  • Alicia, dieser Tage geht die Äußerung eines Stadtrates von Santa Cruz de La Palma durch die Medien: Antonio Érmetes Brito hatte in einer Gemeinderatssitzung zur Straßenbennenung mit Namen von herausragenden Frauen erklärt, dass seines Wissens nach „keine bedeutenden Frauen existieren“. Das Instituto Canario de Igualdad hat daraufhin eine Kampagne gestartet, bei der Vorschläge zu Frauen, die sich hervorgetan haben, eingereicht werden können. Hätten Sie auch einen?

Alicia Pérez Bravo: Meiner Meinung nach waren das sehr unglückliche Erklärungen dieses Stadtrats, um es mal milde auszudrücken. Denn sie unterstellen, dass es keine Frauen gibt, die in Santa Cruz de La Palma zu Entwicklungen etwa im sozialen oder kulturellen Bereich beigetragen haben. Das ist sehr bedauerlich, es ist doch offensichtlich, dass es viele herausragende Frauen gibt – ich nenne mal nur die Schriftstellerin Elsa López, aber es gibt noch viele mehr auf La Palma und auf allen Kanareninseln.

  • Wo stufen Sie als Chefin der “Unidad contra la Violencia de Mujeres” solche Äußerungen ein – sind sie auch schon eine Form von Gewalt gegen Frauen?

Alicia Pérez Bravo: Ja, denn Violencia de Genero bedeutet nicht nur körperliche Gewalt, Frauen leiden außerdem unter psychischer oder ökonomischer Diskriminierung in allen möglichen Gesellschaftsbereichen. Auch die Verwaltungen auf La Palma sollten daran arbeiten, dass es in den öffentlichen Räumen, in ihren Veröffentlichungen, unter den Beschäftigten und in der Politik weniger Sexismus gibt. Gleiches gilt natürlich für die gesamte Gesellschaft, deshalb müssen wir das ganze Jahr über darauf hinweisen, nicht nur am Internationalen Frauentag.

Weltfrauentag 2017 auf La Palma: Demos in Los Llanos und Santa Cruz. Fotos: Alicia Pérez Bravo

Demos in Los Llanos und Santa Cruz de La Palma am Frauentag 2017: “Es ist wichtig, auf die Straße zu gehen und ein Problem sichtbar zu machen”. Fotos: Alicia Pérez Bravo

  • Wie bewerten Sie die Aktionen auf La Palma am Weltfrauentag am 8. März 2017? Sie hatten ja in der vergangenen Woche zur Demo und Arbeitsniederlegung aufgerufen…

Alicia Pérez Bravo: In Santa Cruz und Los Llanos versammelten sich jeweils so um die 100 Leute, aber insgesamt kam kein massiver Protest zustande. Auf La Palma gibt es leider nicht viel feministische Aktivität – es fehlt das Bewusstsein, dass es wichtig ist, auf die Straße zu gehen und ein Problem sichtbar zu machen. In den sozialen Netzwerken zeigen die Frauen viel mehr Bewusstsein, aber der Schritt auf die Straße funktioniert nicht. Ich weiß nicht, warum.

  • Dabei gibt es auf den Kanarischen Inseln und La Palma nicht von der Hand zu weisende Probleme – auch im Blick auf die schlimmste Form der Gewalt gegen Frauen, die 2015 zum Beispiel in Santa Cruz de La Palma im Mord an Laura durch ihren Ex-Freund gipfelte…

Alicia Pérez Bravo: Leider, die Kanarischen Inseln führen die Liste der registrierten Vorkommnisse von Gewalt gegen Frauen der Comunidades Autónomas in Spanien an – und natürlich weiß jeder, dass die gemeldeten Vorkommnisse nur die Spitze des Eisbergs sind. Derzeit sind auf La Palma 93 Frauen unter Órdenes de Protección, das heißt, sie haben Anzeige gegen ihre Männer oder Freunde erstattet und stehen nun unter Schutz und rechtlicher Begleitung. Auf El Hierro sind es aktuell 20, auf La Gomera 21, auf Teneriffa 1.860, auf Gran Canaria 1.175, auf Fuerteventura 239 und auf Lanzarote 231. Übrigens sind unter den Opfern von Männergewalt auf La Palma auch Residentinnen aus dem Ausland. Und mir sind Fälle bekannt, in denen Touristinnen im Urlaub gewalttätigen Stress mit ihren Männern bekamen.

  • Worauf kann man diesen traurigen Rekord der Kanaren zurückführen?
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Nur die Spitze des Eisbergs: Der Mord an Laura 2015 und aktuell 93 Frauen, die Schutz gesucht und ihre gewalttätigen Männer oder Freunde angezeigt haben.

Alicia Pérez Bravo: Machismo ist hier tief verwurzelt, deshalb gibt es im Bezug auf die Einwohnerzahl viele Anzeigen und sogar Morde. Das ist schon besorgniserregend, und es bleibt nur eines: anklagen, anklagen, anklagen!

  • Wohin können sich von Männergewalt bedrohte Frauen wenden?

Alicia Pérez Bravo: An die Guardia Civil oder an die Policía Nacional, dort stehen den Frauen Spezialisten für diese Fälle zur Seite. Das ist sehr wichtig, denn die Frauen haben Angst, wenn sie kommen, sie müssen erst einmal beruhigt und zum Erzählen gebracht werden. Da sind sehr viele psychologische Hürden zu nehmen, denn die Frauen sind meist total blockiert. Aber in dem Moment, wo die Gewaltopfer Anzeige erstatten, greift  der Unterstützungsservice. Die Hilfe ist gratis, und die Frauen werden durch den ganzen Prozess begleitet – auch vom Cabildo, wo ihnen eine Sozialarbeiterin, eine Psychologin und eine Juristin ständig mit Rat und Tat zur Seite stehen. Darüber hinaus wird im Moment der Anzeige der kostenlose Anwaltsservice aktiviert, dessen Mitglieder sich ebenfalls auf Männergewaltopfer spezialisiert haben. Sie sind immer für die Frauen  da, kennen die Fälle und schauen nicht erst zehn Minuten vor Prozessbeginn in die Akte. Das ist unheimlich wichtig, denn die Anzeige muss bis ins letzte Detail korrekt formuliert werden. Selbstverständlich steht dieser Dienst auch betroffenen Residentinnen aus dem Ausland zur Verfügung.

  • Was geschieht mit den Frauen, die sich nach einer Anzeige nicht mehr nach Hause trauen?

Alicia Pérez Bravo: Wir haben auf La Palma ein Frauenhaus, der Standort ist natürlich geheim. In dieser Casa de Acogida ist Platz für circa vier Frauen mit ihren Kindern. Darüber hinaus regeln die vom Gericht direkt nach der Anzeige verhängten Órdenes de Protección zum Beispiel auch Besuchsrechte bei den Kindern bis zur Scheidung oder verhängen Annäherungsverbote. Wenn die Männer das nicht befolgen, drohen ihnen sogar Gefängnisstrafen.

  • Alicia, Sie sprachen vorher auch von Gewalt gegen Frauen im ökonomischen Bereich. Wie steht es ums Arbeitsleben der Mujeres auf La Palma?
Idealbild vom gleichberechtigten Arbeiten: sieht man auf La Palma nicht so oft. Foto: Kanarenregierung

Idealbild vom gleichberechtigten Arbeiten: sieht man auf La Palma nicht so oft. Foto: Kanarenregierung

Alicia Pérez Bravo: Es gibt wenig Arbeit, das ist klar. Und diese Tatsache verbunden mit der Krise wirkt sich schlecht aus: Die meisten Frauen erhalten nur Halbtagsverträge, und oft wird verlangt, dass sie viel mehr Stunden arbeiten als bezahlt wird. Insbesondere Frauen ohne qualifizierte Ausbildung kann man beinahe als Sklaven bezeichnen. Sie haben meist nur die Möglichkeit, zu putzen oder ältere Menschen zu betreuen – beides ist schlecht bezahlt und zeitaufwändig. Vollzeitverträge sind rar, und selbst gut ausgebildete Frauen sind manchmal gezwungen zu putzen.

  • Wie sieht das bei Ihnen aus? Sie haben an der Universität von La Laguna auf Teneriffa Psychologie studiert und sind seit 2009 die Chefin des Referats gegen Gewalt über Frauen bei der Dirección Insular de la Adminsitración General del Estado auf La Palma…

Alicia Pérez Bravo: Tatsächlich arbeite selbst ich etwas unter meiner eigentlichen Qualifikation. Aber ich bin Feministin und Aktivistin und kann etwas bewegen – auch nach Feierabend. Ich habe eigentlich nie frei (lacht).

  • Was genau sind die Aufgaben der Jefa de la Unidad contra la Violencia sobre la Mujer?
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Alicia Pérez Bravo: bei der Arbeit und in der Freizeit unterwegs für die Rechte der Frauen.

Alicia Pérez Bravo: Meine Aufgabe ist, die Arbeit aller Personen, die im Bereich Violencia de Genero arbeiten, zu koordinieren und zu kontrollieren. Dazu gehören beispielsweise die Teams von staatlicher Seite oder vom Cabildo. Es ist sehr wichtig, dass nicht jeder allein vor sich hinarbeitet – im Blick auf verantwortlichen und professionellen Opferschutz muss immer viel besprochen werden. Außerdem gehört es zu meiner Arbeit, dass ich Vorträge oder Workshops an Instituten, in Vereinen oder an Schulen abhalte und Verbindung zu Frauenvereinigungen pflege. Mein Büro ist in Santa Cruz, aber ich bin fast jeden Tag auf der ganzen Insel unterwegs. Privat gehöre ich mehreren Frauenvereinigungen an und arbeite dort in meiner Freizeit mit.

  • Gibt es auch Männerverbände auf La Palma, die sich für Gleichberechtigung einsetzen?
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Schülerinnen und Schüler bei einem Projekt zum Frauentag an einer Schule in Los Llanos sagen mit Herz “todos somos iguales” – wir sind alle gleich: Auch Alicia Pérez Bravo betont, dass die Erziehung zum gleichberechtigten Denken in den Familien und Schulen beginnen muss – natürlich nicht nur auf La Palma, sondern überall auf dem Globus.

Alicia Pérez Bravo: Ja, das ist die Asociación de los Hombres por la Igualdad. Die sind sehr wichtig – los geht´s! Auf dass sie sich verbreiten und multiplizieren! (lacht) Auch am Internationalen Frauentag reihen sich erfreulicherweise jedes Jahr mehr Männer in die Demonstrationen ein. Wir haben doch heute ein weltweites Panorama, in dem sich die Rechten radikalisieren, und deren Macho-Denken will nicht nur Errungenschaften der Frauen beschneiden. Deshalb sind Frauen und Männer am 8. März 2017 weltweit für freiheitliche Werte auf die Straße gegangen. Wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass es keinen Grund gibt, den Internationalen Frauentag zu feiern, wie es oft fälschlicherweise in den Medien geschrieben wird. Dieser Tag ist keine Feier, sondern soll doch seit jeher an den Kampf um die Gleichberechtigung der Frau erinnern. Deshalb sollten wir ihn eigentlich in Internationalen Tag des Feminismus umbenennen.

  • Bei vielen Menschen ist das Wort Feminismus allerdings negativ besetzt…

Alicia Pérez Bravo: Das stimmt, und deshalb trauen sich viele Frauen auch nicht, sich als Feministin zu bezeichnen. Sie sagen dann „ich bin Igualitaria“. Dabei ist das doch das Gleiche – eine Person, die für Gleichberechtigung kämpft, ist eben Feministin. Das ist jammerschade, dass wir uns nicht unter einem Wort vereinen.

  • Es gibt also noch viel zu tun, insbesondere auf La Palma?
Plakat der Kanarenregierung: Wie Alicia Pérez Bravo fordert es die Frauen auf, ihre Probleme öffentlich zu machen: Más visible menos vulnerable heißt frei übersetzt "wer sich zeigt, ist weniger verletzlich".

Plakat der Kanarenregierung: Wie Alicia Pérez Bravo fordert es die Frauen auf, ihre Probleme öffentlich zu machen: Más visible menos vulnerable heißt frei übersetzt “wer sich zeigt, ist weniger verletzlich”.

Alicia Pérez Bravo: Ja, aber Studien zufolge sind die Zukunftsaussichten ziemlich entmutigend. Seit 70 oder mehr Jahren sind wir nicht mal annähernd an die Gleichberechtigung herangekommen. Wir müssen kritischer werden und unsere Gewohnheiten analysieren. Zum Beispiel, indem wir die Macho-Modelle in der Familie erkennen, und Frauen müssen wahrnehmen, dass Machismus nicht nur in Männern, sondern auch in Frauen steckt. Wir leben in einer Gesellschaft, die von Männerideologie geprägt ist, und so sind wir alle im Alltag in der einen oder anderen Form Machos. Erst wenn man die Krankheit erkennt, kann man mit der Heilung beginnen. Sprich: Wir können das ändern und Feministinnen sein. Dabei wäre es auf La Palma mehr als wichtig, dass es mehr Frauengruppen gibt, die ihre Rechte sichtbar einfordern. Jede einzelne von uns muss es nicht nur wollen, sondern auch machen!

  • Alicia, wir danken Ihnen für das sehr aufschlussreiche Gespräch. Machen Sie den Frauen auf La Palma weiterhin Mut, wozu wir Ihnen viel Kampfgeist und Elan wünschen!

Anmerkung der Redaktion: Wenn im Spanischen von “Violencia de genero” gesprochen wird, handelt es sich immer um Gewalt von Männern gegenüber Frauen, denn unter diese Bezeichnung fallen auch die sozialen Ungleichheiten in der Gesellschaft durch machistische Traditionen. Deshalb ist Alicia Pérez Bravo ausschließlich für Frauen zuständig. Wenn eine  Frau einen Mann schlägt oder misshandelt, spricht man hierzulande von “Violencia por supuesto” – auch das kann natürlich angezeigt werden.

 

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