Manolo baut Stäbe für den Salto del Pastor

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Manolo Villalba ist einer der letzten Lanza-Artesanos auf den Kanaren

Manolo Villalba: Die geölten Sprunglanzen werden zum Trocknen aufgehängt. Foto: La Palma 24

Manolo Villalba: Die geölten Sprunglanzen werden vor seiner Werkstatt in El Paso auf La Palma zum Trocknen aufgehängt. Foto: La Palma 24

 „Der Hirtensprung liegt uns

wohl in den Genen“

 „Die Kanarier sind clever, sie springen mit der Leichtigkeit einer Ziege in unzugänglichen, felsigen Gebieten und gefährlichen Schluchten umher – es ist kaum zu glauben“. Dies schrieb anno 1455 Alvise da Cada Mosto im „Libro da primera navigatione per l´Oceano“ über den Salto del Pastor. Bis heute jumpen Bewohner der Kanarischen Inseln wie einst die Ziegenhirten mit der Lanze durchs oft unwegsame Gelände – einer von ihnen ist Manolo Villalba auf La Palma. Außerdem gehört er zu den ganz wenigen Handwerkern des Archipels, die noch die Kunst der Lanzenherstellung für den Hirtensprung beherrschen. Beim Besuch in seiner Werkstatt in El Paso hat uns Manolo ein paar Geschichten über die Lanzas und über den Salto del Pastor erzählt…

 

Manolo auf der Bühne: So kennen ihn viele... Foto: Javier Aguilar

Manolo auf der Bühne: So kennen ihn viele… Foto: Javier Aguilar

Manolo in seine Werkstatt beim Endschliff eines Sprungspeers: Alles ist Handarbeit, auch die Spitzen stellt der Schreiner und Messerschmied selbst her. Foto: La Palma 24

Manolo in seiner Werkstatt beim Endschliff eines Sprungspeers: Alles ist Handarbeit, auch die Spitzen stellt der Schreiner und Messerschmied selbst her. Foto: La Palma 24

Manolo Villalba ist auf La Palma vor allem als Frontmann der Rock´n´Roll-Band Tihuya Cats bekannt. Dass der Artesano Stäbe für den Hirtensprung baut, wissen nur wenige. Der 47jährige fertigt die Lanzas auf traditionelle Art mit den gleichen Werkstoffen und Werkzeugen wie die Altvorderen. Manolo berichtet, dass er heute einer der letzten Lanzenmacher auf den Kanaren ist:

Ich habe dieses Kunsthandwerk vor knapp 25 Jahren von den Alten gelernt, aber heute sind viele von ihnen nicht mehr unter uns,  und die anderen sind inzwischen so betagt, dass sie nicht mehr arbeiten. Durch meine Ausbildung als Schreiner habe ich schnell begriffen, um was es bei der Lanzenherstellung geht, denn ich wusste, wie man mit Holz und mit den Händen arbeitet. Weil ich auch Schmied bin, kann ich sogar die Lanzenspitzen selbst produzieren.

Ganz wichtig: Die Maserung des Holzes für die Lanzas muss eng und gleichmäßig sein. Foto: La Palma 24

Ganz wichtig: Die Maserung des Holzes für die Lanzas muss eng und gleichmäßig sein. Foto: La Palma 24

Lanza, Garrote, Astia, Lata, Verdón oder Asta werden die Stäbe für den Hirtensprung je nach Kanareninsel genannt. Doch die grundsätzliche Bauweise ist immer die gleiche, und laut Manolo kommt es vor allem auf die richtigen Zutaten an:

Normalerweise benutze ich das Holz der Kanarischen Kiefer, aber auch Kiefern aus Honduras, Amerika und manche der Europäischen Kiefern funktionieren. Ganz wichtig ist, dass die Maserung so eng wie möglich und gleichmäßig verläuft. Denn das Holz muss stabil und gleichzeitig etwas elastisch sein – schließlich spielt man beim Salto del Pastor mit seinem Leben…

Gleichwohl gibt es beim Salto del Pastor nur ganz wenige Unfälle. In der Geschichte dieses Sports, den die Ureinwohner der Kanaren beim Hüten und Retten von Ziegen im unwegsamen Gelände „erfunden“ haben, sind nur wenige Springer abgestürzt, erzählt Manolo:

Salto del Pastor: Seit Jahrhunderten sind die Bewohner der Kanaren mit Lanzen im Gelände unterwegs. Foto: Palmeros en El Mundo

Salto del Pastor: Seit Jahrhunderten sind die Bewohner der Kanaren mit Lanzen im Gelände unterwegs. Foto: Palmeros en El Mundo

Ich schätze mal, dass in all der Zeit einer von hundert Saltadores verunglückt ist, mehr nicht. Und die Zahl der Toten ist sehr gering. Früher gab es logischerweise prozentual mehr Unfälle, denn einst arbeiteten viel mehr Menschen jeden Tag in den Bergen – da war das Risiko viel größer. Dass nicht viel passiert, liegt daran, dass die Kanarier den Hirtensprung von klein auf lernen – ich auch. Auf den Kanaren und auf La Palma haben die Einwohner eigentlich immer eine kurze oder lange Lanze dabei, wenn sie über Land gehen, zum Beispiel beim Wandern oder beim Mandelsuchen… Die Spezialisten sind natürlich die Ziegenhirten in den Bergen. Das gehört zu unserer Kultur, und es liegt uns nach vielen Jahrhunderten wohl schon in den Genen, denn viele von uns stammen von den Ureinwohnern ab (lacht). Denn man kann feststellen, dass Bewohner der Kanarischen Inseln den Salto del Pastor schneller erlernen als zum Beispiel Leute vom spanischen Festland oder dem restlichen Europa.

Lernen kann man den Hirtensprung heutzutage zum Beispiel in Kursen, die der Kanarische Verband des Salto del Pastor abhält. Circa eine Woche braucht man laut Manolo für das Grundwissen, aber bis man den nicht ungefährlichen Sport wirklich beherrscht, gehen Jahre ins Land:

Hirtensprung kann erlernt werden: Die Federación

Hirtensprung kann erlernt werden: Die Federación del Salto del Pastor Canaria veranstaltet Kurse.

Man muss üben und ins Gefühl bekommen, wie man beim Absprung richtig steht, und was man mit den Händen macht. Dann tut der Salto auch nicht weh. Normalerweise muss eine Lanza circa einen Meter größer sein als die Person – normalerweise fängt ein Erwachsener mit einer drei Meter langen Sprunglanze an, die für alles Mögliche richtig ist. Natürlich kann man größere Höhen überwinden, wenn der Stab länger ist. Deshalb stelle ich die Lanzas immer abhängig vom Zweck und vom Gewicht der jeweiligen SpringerInnen her. Ich habe schon Sprünge gesehen, wo ein Saltador sieben Meter mit einer 3,60 Meter langen Lanza geschafft hat!

Kanarischer Hirtensprung: soll trotz Topp-Leistungen kein Wettbewerbs-Sport sein. Foto: Federación Salto del Pastor Canaria

Kanarischer Hirtensprung: soll trotz Topp-Leistungen kein Wettbewerbs-Sport sein. Foto: Federación Salto del Pastor Canaria

Trotz derart gewaltiger Hüpfer gelüstet es die Hirtenspringer nicht nach Ruhm und Ehre. Es gibt zwar die Federación del Salto del Pastor Canaria, aber die will lediglich die Tradition der schnellen Fortbewegung am steilen Hang bewahren. Laut Manolo ist das Ziel keineswegs der offizielle Wettkampf:

Die Leute in der Szene des Salto del Pastor wollen nicht, dass der Hirtensprung ein Sport wie Fußball oder Leichtathletik wird. Es geht darum, ein wesentliches Stück unserer Geschichte zu erhalten. Es soll ein Traditionssport sein, der uns einfach Spaß macht, und in dem es nicht um Konkurrenz geht.

Und so gibt es auf den verschiedenen Kanareninseln immer wieder Treffen, zu denen dann die Saltadores von allen Eilanden anreisen. Das ist für die Springer immer spannend. Grund: Früher gab es nur wenig Kommunikationsmöglichkeiten, und so hat sich der auch Brinco Canaria genannte Sport auf dem Kanarenarchipel unterschiedlich entwickelt, erläutert Manolo:

Salto del Pastor: Auf La Palma gibt es immer wieder Demonstrationen für Inselgäste. Foto: Palmeros en el Mundo/Fernando Rodríguez

Salto del Pastor: Auf La Palma gibt es immer wieder Demonstrationen für Inselgäste. Foto: Palmeros en el Mundo/Fernando Rodríguez

Jede Insel hat ihre Besonderheit im Blick auf die Formen der Lanzenspitze, den Durchmesser des Stabs oder der Art des Sprungs. Bei unseren Treffen gehen wir zuerst in die Berge. Von dort wird in den jeweiligen Austragungsort des Events hinuntergesprungen, dann gibt es ein schönes Essen und anschließend wird unter Saltadores aller Altersklassen gefachsimpelt.

Dabei kommen natürlich auch die Preise für die Lanzen zur Sprache. Manolo kennt sich da aus:

Eine kleine, zwischen 1,80 und 2 Meter lange Lanze gibt es bei mir je nach Material so ab die 60 Euro, die 3 Meter langen kosten zwischen 110 und 170 Euro. Je länger die Lanza sein soll, desto teurer wird sie, vor allem, weil es dann immer schwieriger ist, das richtige Holz zu finden. Besonders teuer sind natürlich Lanzen aus der geschützten Kanarischer Kiefer. Die finde ich aber manchmal, wenn Rodungen auf La Palma stattfinden, und ich vom Umweltamt die Erlaubnis bekomme, mir einen geeigneten Baum auszusuchen. Aber grundsätzlich versuche ich, meine Preise so niedrig wie möglich zu halten, denn die Mehrzahl meiner Kunden sind Ziegenhirten und Leute, die die Lanzen für ihre Arbeit brauchen – und die können nicht viel dafür ausgeben. Auf den anderen Kanareninseln bezahlt man dagegen für einen Stab bis zu 350 Euro…

ff

Nicht ungefährlich, aber für Könner kein Problem: Salto del Pastor – der jahrhundertealte Hirtensprung auf den Kanaren. Foto: Colectivo Aguere Salto del Pastor

Weil Manolo einer der letzten Lanzen-Kunsthandwerker auf den Kanaren ist, wird er natürlich mit Aufträgen überschüttet. Aber er kann gar nicht alle annehmen, denn er reserviert einen Gutteil seiner Zeit für die Musik und restauriert außerdem noch alte Möbel und Türen, wobei er sich aufs Arbeiten mit dem Tea genannten Kernholz der Kanarenkiefer spezialisiert hat. Wer den Schreiner, Messerschmied, Restaurateur und Musiker mal kennenlernen will, geht am besten auf ein Konzert der Tihuya Cats, die in diesem Jahr ihr 10jähriges Jubiläum feiern. Die Redaktion des La Palma 24-Journals dankt dem vielbeschäftigten Mann aus El Paso herzlich, dass er sich die Zeit für ein Interview genommen hat!

 

Weitere Infos zum Salto del Pastor:

Internetseite der Federación del Salto del Pastor – hier klicken.

Facebook-Seite von Manolo Villalba – hier klicken.

Manolo Villalba: Das Multitalent ist Musiker, Schreiner, Restaurateur und Messerschmied - hier zeigt er ein von ihm gefertigtes typisch palmerisches Messer. Foto: La Palma 24

Manolo Villalba: Das Multitalent ist Musiker, Schreiner, Restaurateur und Messerschmied – hier zeigt er ein von ihm gefertigtes typisch palmerisches Messer. Foto: La Palma 24

 

 

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