Anno 1493 hatten die Spanier die Insel La Palma endgültig erobert. Anschließend gaben sie sich alle Mühe, die Spuren der Ureinwohner zu verwischen. Dies gelang ihnen gut, denn die „Benahoaritas“ hatten ihr Wissen immer nur mündlich weitergegeben. Nur dank der Arbeit fleißiger Archäologen konnte das Leben der ersten Siedler Jahrhunderte später rekonstruiert werden. Was sie herausgefunden haben, zeigt das „Museo Archeológico Benahoarita“ in Los Llanos.
Bis heute ist umstritten, woher die zumeist blonden und großgewachsenen Ureinwohner kamen (siehe La-Palma-24-Artikel vom April 2011, Kategorie: Geschichte). Ebenfalls nur geschätzt werden kann ihre Zahl – Wissenschaftler gehen davon aus, dass mindestens 6.000 Benahoariten La Palma bevölkerten. Am Anfang der Besiedlung wohnten sie in Höhlen und als ihre Anzahl im Lauf der Jahrhunderte stieg, auch in Hütten. Wie dieses steinzeitliche Dasein ausgesehen haben könnte, zeigen die Archäologen im Benahoare-Museum in Form von nachgebauten Hütten und Höhlenszenen.
Die Wohnhöhlen waren in verschiedene Zonen aufgeteilt: Hinten wurde auf Matten aus Palmzweigen geschlafen, im Zentrum fanden sich Steintische, und am Eingang saß die Familie am Feuer zum Kochen, Essen und Arbeiten. Es gab kleinere Höhlen, wo die Benahoariten Lebensmittel und Heilkräuter aufbewahrten, und Höhlen für die Toten. Die interessanteste Höhlensiedlung wurde rund 380 Meter über dem Meer in Belmaco entdeckt und ist heute ebenfalls ein Museum. Aufschlussreiche Funde lieferte zudem die Höhle von El Tendal bei San Andrés y Sauces.
Die Höhlen und Hütten der Ureinwohner waren über die ganze Insel verstreut. „Benahoare“ – „meine Erde“ – nannten sie ihren Lebensraum, und teilten ihn in 12 Kantone auf. 11 davon hatten unten das Meer und oben die Vulkanregionen als Begrenzung. Nur ein Kanton lag mitten in der Caldera de Taburiente, dem heuten so beliebten Wandergebiet: Aceró. Hier leistete der berühmte König Tanausú den letzten erbitterten Widerstand gegen die Eroberer, bis ihn die Spanier mit einer List gefangennehmen konnten. Details zu diesen Kantonen kann man an einer großen Wand im Benahoare-Museum nachlesen. Etwa, dass „Aceró” in der Sprache der Ureinwohner “Die Stärke des Tanausú“ bedeutete, oder dass das heutige „Aridane“-Tal nach einem Kanton benannt ist, der „ein kleines Stück Himmel“ hieß.
Himmlisch waren die Lebensbedingungen der Benahoariten nicht immer. Anhand der Mondphasen beschreiben die Museums-Macher den Jahreslauf, der beim 2. Mond im Frühsommer mit dem Auftrieb der Viehherden auf die Bergweiden begann. Im Spätsommer beim 5. Mond kam die Zeit zum Pflanzensammeln und Ernten. Die Ureinwohner La Palmas bauten nachweislich Korn, Hafer, Bohnen und Linsen an und genossen wild wachsende Früchte wie Datteln oder Erdbeeren. Hauptsächlich aber ernährten sie sich von allem, was Ziegen, Schafe und Schweine lieferten. Oft bezweifelt, aber inzwischen bewiesen ist außerdem, dass die Benahoariten schwimmen konnten und den Atlantik als Supermarkt nutzten. Fisch, Meeresschnecken und Krustentiere standen bei ihnen vor allem im Sommer auf dem Speiseplan, wenn die Tiere auf der Alm und somit Milch und Fleisch in den Tälern knapp waren.
Neben all der Arbeit für den Lebensunerhalt hatten die ersten Siedler La Palmas noch genug Zeit, seltsame Zeichen in Felsen zu ritzen. Selbstverständlich widmet das Museum in Los Llanos auch diesen sogenannten „Petroglyphen“ viel Raum. Rund 200 Gravuren wurden überall auf der Insel gefunden – mehr als 50 Prozent im Raum Garafía, sehr viele sind am südlichen Rand der Caldera am Pico Bejenado in der Region El Paso sowie auf den Wiesen und Vulkangipfeln der Caldera konzentriert. Natürlich wurden auch im oben erwähnten Belmaco Petroglyphen gefunden.
Bis heute rätseln die Gelehrten, was die Spiralen, Kreise, Wellenlinien und Kreuze bedeuten könnten. Waren es nur Wegmarken oder Grenzsteine? Dienten die heute von den Einheimischen „Taras“ – also „Erinnerungen“ – genannten Felsmalereien religiösen Riten und Götterverehrung? „Niemand weiß, was die vielen Taras eigentlich bedeuten“, schreibt La-Palma-Experte Harald Braem. „Uns fehlt für die Kanaren einfach ein Stein von Rosette, der das Geheimnis lüften könnte.“ Wer sich die Gravuren nicht nur im Museum, sondern live ansehen möchte, kann das in La Fajana und El Cementerio in El Paso oder rund ums Besucherzentrum La Zarza tun. Dort finden sich die größten und schönsten Petroglyphen auf La Palma.
Neben Felsenritzen beschäftigten sich die Benahoariten mit der Herstellung von Keramik. Die Tonkunst wurde im Lauf der Jahrhunderte technisch immer ausgefeilter, so dass die prähispanische Keramik von La Palma heute als die schönste der kanarischen Inseln gilt. Im Museum in Los Llanos sind die Schalen und Krüge der Ureinwohner chronologisch sortiert in Vitrinen untergebracht – vom plumpen Tonklumpen der sogenannten Phase 1 bis hin zu kunstvoll verzierten Gefäßen der Phase 4.
Obendrein leisteten die ersten Bewohner La Palmas wahre Knochenarbeit: Aus den Gebeinen ihrer Ziegen, Schafe und Schweine feilten sie Nadeln und Spachtel – und Schmuck! Der letzte Schrei waren nicht nur gefeilte Kettenglieder, sondern auch ganze Knochen von Ziege oder Schaf – natürlich können auch Exemplare dieser Kollektionen im Museum in Los Llanos bestaunt werden.
Weil die Benahoariten ein Hirtenvolk waren und auf La Palma bis heute jede Menge Bäume rumstehen, schnitzten sie sich mit Vorliebe Stöcke aus Holz. Mit Hilfe dieser Stäbe entwickelten die sportlichen Ureinwohner eine trickreiche Art und Weise der Fortbewegung: Mit dem sogenannten „Salto“ – übersetzen wir es mal mit „Stabweitsprung“ – durchquerten sie vor allem
bergiges Gelände oder Klippen äußerst elegant mit Riesensätzen. Aus Holz fertigten die Benahoaritas auch Waffen wie die „Moca“, eine Lanze mit aufgesetztem Ziegenhorn.
Erhalten sind außerdem „Boomerangs“, über deren Bedeutung die Wissenschaftler nach wie vor am Grübeln sind. Die eine Theorie sagt, dass die gebogenen Stöcke Waffen waren, die andere sieht darin Musikinstrumente, eine weitere schätzt sie als Symbole für Gottheiten ein.
Denn die Ureinwohner waren tiefreligiös. Ihre höchste Gottheit war „Abora“ – das „höchste göttliche Licht“. Ihr gegenüber stand das Böse, genannt „Iruene“ oder „Haguanrán”, verkörpert in einem Hund mit zottliger Mähne. Die „Kirche“ der Benahoriten war mitten in der Caldera: Ihre Zeremonien hielten sie am Idafe-Felsen ab, der wie ein mahnender Finger in den Himmel ragt. Obendrein glaubten sie an ein Leben nach dem Tod und betten ihre Toten an schwer zugänglichen Orten.
Kommentare von Besuchern
Vor den Gebeinen längst verstorbener Siedler bleiben Besucher des Museums in Los Llanos ehrfürchtig stehen. Etwa Yago aus La Palma und seine Freundin Saira aus Teneriffe. „Das ist sehr interessant“, sagt Saira, die die Geschichte ihrer Nachbarinsel kennenlernen will. Yago ergänzt, dass „alles im Museum gut gemacht“ sei. Claudia und Robert aus Reichenau bei Jena stimmen dem zu, finden jedoch einen Haken an der Sache: „Schade, dass die Infos nur auf Spanisch und Englisch zur Verfügung stehen“, kommen sie auf nicht vorhandene deutsche Erklärungen im Museum zu sprechen. „Aber weil alles sehr bildlich dargestellt ist, kann man trotzdem viel verstehen.“ Begeistert sind sie vor allem vom Video über den Ausbruch des Vulkans Teneguía. Denn last but not least werden auch Natur und Wetter im „Museo Archeológico Benahoarita“ thematisiert.
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Öffnungszeiten: Dienstags bis Samstags von 10 bis 14 und 17 bis 20 Uhr.
Adresse: Camino de Las Adelfas, im Zentrum von Los Llanos.