Hier knallen nicht nur die Korken durch
Wenn auf La Palma das Neue Jahr eingeläutet wird, haben alle den Hals voll. Die fruchtige Verstopfung des Schluckmuskels mit dem Ziel der Wunscherfüllung ist allerdings nur einer von drei durchgeknallten Silvesterbräuchen auf der nordwestlichsten Kanareninsel.
Die Bewohner der kanarischen Inseln legen größten Wert darauf, sich vom Festland abzugrenzen. Als „Spanier“ fühlen sich die „Canarios” nur in Ausnahmefällen. Etwa, wenn das iberische Team wie 2010 in Südafrika Fußball-Europameister wird - und dann noch an Silvester. Denn Bräuche wie Glückstrauben, Ringe im Sekt und rote Unterwäsche werden von allen Menschen – egal wo in Spanien – zum „Fin de Año“ begeistert zelebriert.
Das hat seinen Grund, schließlich liefert vor allem die Tradition der „Uvas de la Suerte“ überaus heitere Szenen. Dabei stopfen sich die Spanier auf dem Festland zwölf „Glückstrauben“ zum vom Fernsehen landesweit ausgestrahlten Läuten der Turmuhr an der „Puerta del Sol“ in Madrid in den Hals. Dabei wünschen sie sich was, das – natürlich – in Erfüllung geht. Voraussetzung ist allerdings, dass alle „Uvas de la Suerte“ bis zum letzten Glockschlag durch den Schlund gewürgt werden. Weil das selbst mit kleinen oder schon enthäuteten Weinträubchen alles andere als einfach ist und in der Vergangenheit so manchen Erstickungsanfall ausgelöst hat, bimmelt die Madrider Uhr seit ein paar Jahren nicht mehr nur 12, sondern 36 Sekunden lang.
Aber La Palma liegt halt „jenseits von Afrika“ und damit nicht in der Mitteleuropäischen Zeitzone (MEZ). So wird das Neue Jahr auf den Kanarischen Inseln eine Stunde später als in Spanien um 1 Uhr MEZ eingeläutet – ebenso wie beispielsweise in Gambia, Marokko, England oder auf der Raumstation ISS. Fazit: Palmeros können ihre Glückstrauben nicht im Live-Takt der Madrider Turmuhr schlucken. Macht aber nichts – die kanarischen Radio- und Fernsehsender übertragen ihr eigenes Geläute. Das dauert von Jahr zu Jahr unterschiedlich lang. Grund: Jedes Silvester ist eine andere Kirche an der Reihe, und eine einheitliche Regelung für das Gebimmel gibt es weder auf dem Festland noch auf den Kanaren.
So stört sich auch auf La Palma niemand daran, dass in vielen Bars und Restaurants CDs aufgelegt werden, die zwölf Glockenschläge im schnellen 1-Sekunden-Takt wiedergeben. Trotz akuter Lebensgefahr in diesem engen Zeitrahmen ist der Spaßfaktor groß. Und selbst Urlauber, denen die hektische Schlingerei zunächst spanisch vorkommt, greifen begeistert zu den Trauben, die die Wirte an Silvester gratis reichen. Gegen die lebenslang trainierten palmerischen Profis haben sie jedoch meist keine Chance. Übrigens: Die Stars unter den Würgern behaupten, sie könnten die Glückstrauben-Geschichte selbst in Japan durchziehen. Dort silvesterdongts bereits um 16 Uhr MEZ geschlagene 108 Mal aus buddhistischen Tempeln. Grund für den langanhaltenden Krach: Die 108 bösen, im Lauf des alten Jahres in den Menschen angesammelten Leidenschaften halten das Gebimmel nicht aus und machen, dass sie wegkommen.
Ganz im Gegensatz zu Nippon wünscht man sich auf La Palma die Leidenschaften zum Jahreswechsel fröhlich herbei. Dazu werfen alle, die das Traubenschlucken unbeschadet überstanden haben, einen goldenen „Liebes-Ring“ ins Neujahrs-Sektglas. „Stößchen“ sagt man dabei gerne mal mit einem „Zorongo“. Das ist der einzige „inseleigene“ Sekt, fruchtig-frisch produziert von der Kellerei „Tendal“.

Was tragen die Señoras - und vielleicht sogar die Señores - unter ihren schicken Silvester-Roben? Foto: La Palma 24
Glück in der Liebe “garantiert” ein weiterer Brauch auf La Palma, der sich jedoch entweder gar nicht zeigt oder nur beim ganz genauen Hinschauen kurz hervorblitzt. Denn nur wenige der zum „Fin de Año“ aufwändig gestylten palmerischen Señoras lassen durchblicken, dass sie unter ihren schicken Abendroben noch was viel Schickeres tragen. Insider und ausverkaufte Wäscheläden wissen allerdings Bescheid: Rote Dessous sind in der „Noche Vieja“ ein Muss.
Ebenso bedeckt wie die rote Unterwäsche beginnt die letzte Nacht des alten Jahres auf La Palma. Zunächst trifft man sich zuhause oder im Restaurant zum festlichen Tafeln. Urlauber gewinnen in den frühen Abendstunden den Eindruck, an Silvester wäre auf der Insel der Hund begraben. Aber es ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Gegen Mitternacht, wenn die Silvester-2012-Beginner in Neuseeland nach 13 Stunden Party schon wieder ermattet in der Koje liegen, geben die Palmeros Vollgas. Korken und Musik knallen auf öffentlichen Plätzen der Insel, viele Bars machen jetzt erst auf – und dann tanzt der Bär bis in den Morgen. Wer auf La Palma am Neujahrstag bis 11 Uhr MEZ durchhält, kann noch eine Weile gemeinsam mit Samoa feiern. Denn dann erst startet der Inselstaat im Südpazifik als letzter der Erde ins Jahr 2012.
Da viele Urlauber den Jahreswechsel im Badeort Puerto Naos verbringen, ein paar Tipps zu Silvester. Gehen Sie vor Mitternacht gemütlich ins Restaurant und wundern Sie sich nicht, dass viele Bars geschlossen haben. Einige von ihnen eröffnen ihren Betrieb zum Jahreswechsel 2012 erst gegen 24 Uhr. Fest zugesagt hat dies bereits „Carlos“, ungewiss ist noch, ob die „Bodega“ silvesterfeiert. Klar ist – wie in jedem Jahr – dass bei Minggi in der „Bar Caotico“ wieder die Korken knallen – und im „El Churro“ feiern die ganz Harten wie üblich bis in die frühen Morgenstunden.
Hier einige der offiziellen Fiestas zum Jahreswechsel auf La Palma:
Santa Cruz, ab 23.30 Uhr: „Gran Fiesta Fin de Año“, Terrassen am Meer.
Los Llanos, ab 23 Uhr: Silvesterparty mit DJ Michael Vilar, Plaza de España.
Tazacorte, ab 23 Uhr: Neujahrsfest in der Calle 1 de Mayo mit DJ.
Barlovento, ab 0.15 Uhr: Party mit Tanzmusik im „Centro de Día“.
San Andrés y Sauces, ab 24 Uhr: Fiesta mit dem Orchester Salsaludando, Plaza de Montserrat.
Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.







