Vulkan Teneguía auf La Palma: zwei Geologen berichten

gasschlot-teneguia-la-palma-titelRainer Olzem und Timm Reisinger:

Gastbeitrag der Autoren des Buches “Geologischer Wanderführer La Palma”

 

Der Ausbruch des Teneguía 1971 – Geschichte –

Gegenwart und Zukunft eines Feuerspuckers

Timm Reisinger (links) und Rainer Olzem: Die Autoren des Geologischen Wanderführer La Palma erzählen hier ihre Teneguía-Geschichte.

Timm Reisinger (links) und Rainer Olzem: Die Autoren des “Geologischen Wanderführer La Palma” erzählen hier ihre Teneguía-Geschichte.

Ab und an veröffentlichen wir im La Palma 24-Journal Gastbeiträge, sofern die Autoren Experten ihres Fachs sind. Der Diplom-Geologe Rainer Olzem und der Geowissenschaftler Timm Reisinger betreiben nicht nur eine gemeinsame Website über die Wissenschaft von der Erde und ihrer Entwicklungsgeschichte. Sie haben auch den Geologischen Wanderführer La Palma veröffentlicht, in dem sie 17 ausgewählte Exkursionen auf der nordwestlichsten Kanareninsel beschreiben. Eine davon handelt vom Vulkan Teneguía im Süden von La Palma, der demnächst seinen 46. Geburtstag feiert. Hier ist der Gastbeitrag des Expertenteams aus Aachen:

 

Der Ausbruch des Teneguía 1971: Naturschauspiel im Süden der Kanareninsel La Palma. Fotos: zur Verfügung gestellt von Olzem/Weisinger

Der Ausbruch des Teneguía 1971: Naturschauspiel im Süden der Kanareninsel La Palma. Fotos: zur Verfügung gestellt von Olzem/Reisinger

Am Nachmittag des 26. Oktobers 1971 riss südlich des Vulkans San Antonio auf einem Privatgrundstück der Familie Cabrera eine 300 Meter lange Erdspalte auf, die unter großem Getöse riesige Mengen schnell fließender Laven ausspuckte, begleitet von heftigen Erdbeben. Der Ausbruch verlief in zwei zeitlich versetzten Phasen: Zuerst bildeten sich entlang der Erdspalte zwei effusive, Lava spuckende Eruptionskegel, die während der gesamten Dauer der vulkanischen Tätigkeit aktiv blieben. Heute sind diese beiden Kegel in einem großen Hauptkrater vereint, das sind die Eruptionszentren 1 und 2. Am 8. November öffneten sich die Eruptionszentren 4 und 5 und spien überwiegend Laven aus. Das kreisrunde Eruptionszentrum 3 förderte keine Lava, sondern war ausschließlich explosiv tätig. Am 18. November 1971 erlosch der Vulkan dann abrupt.

Den Eruptionen gingen heftige Erdbeben voraus, die nicht nur die Bewohner von Fuencaliente in Angst und Schrecken versetzten und nicht mehr ruhig schlafen ließen, sondern auch die Menschen bis hinauf nach Los Llanos beunruhigten. In Fuencaliente wurden 2.500 Menschen evakuiert und wohnten vorübergehend in den Schulen, in Los Llanos übernachteten die Menschen aus Angst vor einstürzenden Häusern im Freien. Erst mit dem Ausbruch des Vulkans am 26. Oktober 1971 ließen die Erdbeben allmählich nach.

Das La Palma 24 Journal vom 23. Oktober 2011 berichtet über den Zeitraum der Eruption, als die Angst vor den Erdbeben nachließ: “Von nun an war von Angst keine Rede mehr – die rund drei Wochen dauernde Geburt des Teneguía artete zu einem regelrechten Volksfest aus. Tausende stürmten die Montaña de Las Tablas, von wo das glutvolle Naturschauspiel aus sicherer Entfernung beobachtet, fotografiert und gefilmt werden konnte. Sonntags packten die Palmeros Kinder und Proviant ein – und ab ging´s zum Vulkangucken. Fechu, damals sechs Jahre alt, erinnert sich: “Alle haben sich dort getroffen und Picknick gemacht.” Und mehr als das. Die Eruption des Teneguía feuerte zudem den 1971 noch in den Kinderschuhen steckenden Tourismus an. Die kleine, bis dahin nahezu unbekannte Isla Bonita rückte in den Fokus von Millionen Fernsehzuschauern, und Reisebüros offerierten sofort Sonderangebote für Vulkan-Fans.”

1971 und heute: Die Lava des Teneguía schuf neues Land. Fotos: zur Verfügung gestellt von

Der Teneguía aus der Luft und von Westen her betrachtet: Die Lava schuf neues Land. Fotos: zur Verfügung gestellt von Olzem/Reisinger

Die Eruption des Teneguía von 1971 war – abgesehen vom submarinen Ausbruch des neuen Vulkans vor El Hierro Ende 2011 – auch der jüngste Vulkanausbruch auf La Palma und auf den gesamten Kanaren. Seit der San Juan-Eruption im Jahre 1949 waren nur 22 Jahre vergangen. Das Ereignis fand – korrespondierend mit der Südwanderung des Vulkanismus auf den Kanaren und auf La Palma – auf der äußersten Südspitze der Insel statt. Die vulkanischen Auswürfe bedecken heute große Flächen im Süden und Südwesten der Insel und haben mehrere große und kleine Lavaplattformen im Meer geformt.

Der Teneguía liegt ganz im Süden von La Palma unterhalb von Fuencaliente. Von der Hauptstraße LP-2 zweigt in Fuencaliente die Straße LP-209 zu den Vulkanen San Antonio und Teneguía sowie zur Ortschaft Las Indias ab. Etwa zwei Kilometer hinter der Einfahrt zum San Antonio geht es links in die kleine Straße LP-128 zum Teneguía.

Nach einem guten Kilometer führt in einer Rechts-Serpentine der Schotterweg SL-FU 112 linker Hand zum Vulkan. Hier muss das Auto abgestellt werden, denn der Weg ist für Autos gesperrt. Die Schotterpiste verläuft zwischen der steilen West- beziehungsweise Südflanke des San Antonio zur Linken und den drei unteren Eruptionszentren des San Antonio von 1677 zur Rechten. Der rechts unterhalb des Weges liegende helle Felsen ist der Roque Teneguía, ein für die Insel La Palma typischer phonolithischer Dom, der entweder aus der Zeit der Vorgängervulkane des San Antonio stammt oder während der prähistorischen Eruption des Antonio selbst vor 3.200 Jahren entstanden ist. Dahinter liegt die ausgedehnte Lavaplattform im Atlantik bei Punta Larga, die der San Antonio während seiner jüngeren Eruption von 1677 geschaffen hat. Nach gut einem Kilometer auf der Schotterpiste zweigt scharf rechts der Weg zum Fuß des Teneguía ab. Hier verläuft die gemauerte Wasserleitung “Canal del Estado” parallel zur Piste. Dann beginnt der kurze und steile Aufstieg zum Gipfel des Vulkans.

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Blick in den Teneguía – Zentren 1,2 und 3: Die rote Farbe kommt vom Eisen in der Basaltlava, das sich beim Aufstieg an die Erdoberfläche mit dem Sauerstoff der Luft in Eisenoxid umwandelt. Fotos: zur Verfügung gestellt von Olzem/Reisinger

Direkt links führt ein Pfad zum kreisrunden Eruptionskegel 3 und weiter zu den Salinen von Fuencaliente hinab. Das Eruptionszentrum 4 liegt rechts am Aufstiegspfad. Schaut man aus halber Aufstiegshöhe links hinunter auf den breiten Lavastrom, der zu den Leuchttürmen hin verläuft, erkennt man an seinem Beginn das Eruptionszentrum 5. Nach einem kurzen Steilstück ist der Rand des Hauptkraters erreicht. Auch 46 Jahre nach dem Ausbruch des Vulkans gibt es hier am Kraterrand noch Erdspalten, aus denen vulkanische Gase entweichen. Halten Sie ruhig die Hand hinein, die Gase – hauptsächlich Kohlendioxid – sind nicht mehr heiß, sondern nur noch leicht temperiert.

Von hier oben schaut man in den Hauptkrater, das sind die Eruptionszentren 1 und 2. Am Kraterrand führt ein schmaler Pfad leicht ansteigend in Richtung Süden auf die höchste Spitze des Vulkans, die mit einer Steinpyramide gekrönt ist. Dieser Aussichtspunkt bietet einen guten Überblick auf die Lavaplattformen des Teneguía an der Küste und auf die beiden Leuchttürme und die Salinen von Fuencaliente. Der alte Leuchtturm und die Salinen blieben von den Lavaströmen des Teneguía weitgehend verschont. Der alte 1892 erbaute Leuchtturm wurde jedoch durch die starken vulkanischen Beben so schwer beschädigt, dass 1983 der neue Leuchtturm direkt daneben errichtet wurde.

Auffällig ist hier die oft intensiv rote Färbung der Lava. Glutflüssige basaltische Lava ist rot und wird nach Abkühlung grau oder schwarz. Basaltische Lava enthält viele Minerale, besonders Eisen und Schwefel. Kommen diese Elemente mit dem Sauerstoff der Luft in Verbindung, reagiert Eisen mit Sauerstoff zu Eisenoxid und Schwefel zu Eisensulfid. Diese Eisenverbindungen verursachen die roten, rotbraunen und gelben Farben der Lava.

Vulkan Teneguía - Zentren 4 und 5:

Vulkan Teneguía – Eruptionszentren 4 und 5: Hier kann man inmitten der beeindruckenden Mondlandschaft des Südens von La Palma wandern. Fotos: zur Verfügung gestellt von Olzem/Reisinger

Die Teneguía-Eruption war charakterisiert durch eine Entgasung, die in rhythmischen Explosionen stattfand und die ausfließende Lava sozusagen fragmentierte: In Aschen (kleiner 2 Millimeter), Lapilli (2 – 64 Millimeter), Schlacken und gerundete vulkanische Bomben (größer 64 Millimeter).

Interessant ist auch die Zusammensetzung der entweichenden vulkanischen Gase: Zu Beginn der Eruption waren überwiegend Kohlendioxid (CO2) und Kohlenmonoxid (CO) im Gasgemisch enthalten, daneben auch Wasserstoff (H), Stickstoff (N), Sauerstoff (O) und Schwefeldioxid (SO2), später jedoch nur noch CO2 mit einem sehr geringen Anteil an CO. Da CO2 schwerer als Luft ist, reichert es sich in Geländesenken an, vertreibt dort den Sauerstoff und kann zum Erstickungstod führen. Auf diese Weise forderte der Teneguía-Ausbruch zwei Todesopfer, einen Fischer, der in der Nähe des alten Leuchtturms arbeitete und einen unvorsichtigen Fotografen, der Fotos von küstennahen Lavaströmen schießen wollte.

Weitere Gefahren gingen von den teils großen niedergehenden Lavabomben aus und von der Lava selbst, die über den Steilhang zum Meer hinabfloss, wobei flammende Aschewolken und heiße Gase über lange Strecken mit dem Wind verfrachtet wurden. Auch formten sich an den steilen Gefällestrecken glühende Lavabälle, die teilweise sehr groß werden konnten und an den steilen Hängen hohe Geschwindigkeiten erreichten.

Die Temperatur der austretenden Lava betrug 950 bis 1.050 Grad Celsius, ihre Fließgeschwindigkeit erreichte in der Nähe der Austrittstellen extrem hohe 700 Meter pro Stunde und im flacheren Hangbereich in 800 Meter Entfernung zum Eruptionszentrum immer noch etwa 100 Meter pro Stunde. Die mittlere Dicke der Lava betrug 12 Meter und die höchsten durch den Ausbruch entstandenen Vulkankegel wuchsen rund 100 Meter hoch.

Foto oben: Timm Reisinger hält seine Hand in eine Spalte des Teneguía, aus der noch immer warmes Kohlendioxid aufsteigt. Noch mehr geologische Berichte von Exkursionen auf La Palma finden sich im Geologischen Wanderführer.

Foto oben: Timm Reisinger hält seine Hand in eine Spalte des Teneguía, aus der noch heute warmes Kohlendioxid aufsteigt. Weitere detaillierte Berichte von Exkursionen der beiden Experten aus Aachen finden sich im Geologischen Wanderführer La Palma.

Insgesamt wurde durch die vulkanischen Auswürfe an Laven, Aschen, Lapilli und Bomben – immerhin 40 Millionen Kubikmeter – eine Fläche von etwa 1,14 Millionen Quadratmeter überdeckt. 290.000 Quadratmeter wurden durch die Lavaplattformen im Meer an Neuland gewonnen.

Schließlich stellt sich die Frage, wann und wo die nächste Eruption auf La Palma und auf den Kanaren stattfinden wird. Wird ein alter oder ein neuer Vulkan auf einer der Inseln ausbrechen oder wird ein neuer Vulkan auf dem Meeresgrund entstehen? Vielleicht wird sich in nächster Zeit El Hierro an seiner Südspitze flächenmäßig vergrößern, möglicherweise bildet der dort Ende 2011 neu entstandene Seamount in ferner Zukunft aber auch das Fundament einer weiteren Insel des kanarischen Archipels.

Jede der Kanarischen Inseln mit prähistorischen oder historischen Eruptionen ist ein potenzieller Kandidat für zukünftige Vulkanausbrüche, eine Eruption wird mit Sicherheit in einem absehbaren Zeitraum von Jahren bis Jahrhunderten auf einer der Inseln stattfinden. Die größte Wahrscheinlichkeit eines neuen Vulkanausbruchs gibt es jedoch im Westen und Südwesten des Kanarischen Archipels bei La Palma und El Hierro, denn dort liegt vermutlich der mehr oder weniger ortsfeste Hotspot, über den der Ozeanboden – die ozeanische Afrikanische Platte – nach Osten driftet.

 

Wer sich für den Geologischen Wanderführer La Palma interessiert, kann ihn auf der Website der beiden Autoren bestellen – hier klicken.

Der Geologische Wanderführer ist auf La Palma in folgenden Geschäften erhältlich: La Sorpresa in El Paso und Los Llanos, Valle Verde in Santa Cruz und Los Llanos, Artesanía Drago in Garafía.

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