Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei

  • 29 Antworten
  • 876 Aufrufe
Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #15 am: Oktober 23, 2020, 12:31:05 Nachmittag »
Teheran 1979 (Folge 1)

Nachdem sich die Wogen der Revolution im Iran geglättet hatten, wurde ich im Sommer an meinen alten Wirkungskreis Teheran delegiert. Um die allgemeine Lage vor Ort zu sondieren, alte Kontakte zu reaktivieren, mögliche neue Projekte vorzubereiten oder einfach Präsenz zu zeigen.
Bezogen auf den Kontext dieses Kapitels gab es nicht viel zu berichten. Die neuen Machthaber hatten sich (noch) nicht in alle Lebensbereiche der Bürger eingemischt. Für mich gestaltete sich die Arbeit und das tägliche Leben nicht viel anders als vorher.
Nur ein einziges Erlebnis ist mir im Gedächtnis haften geblieben. Nach einem Besuch eines Freundes machte ich mich spät Abends auf den Nachhauseweg zu meiner Unterkunft, von einem reinen Wohngebiet in ein anderes. Um zur nächsten Hauptstraße zu gelangen, und um dort ein Taxi anzuhalten, mußte ich ca. 20 Minuten zu Fuß durch das Viertel laufen. Plötzlich hallten Schüsse durch die Nachbarschaft, auf die Schnelle und wegen meiner diesbezüglichen Unerfahrenheit die Richtung nicht so ganz einschätzbar. Also habe ich als Sofortmaßnahme erst mal meinen Gang extrem beschleunigt, bis ich außer Hörweite des Geschützdonners war. Hatte nicht den Eindruck, daß ich das Ziel der Ballerei war, vermutete eher ein Scharmützel zwischen 2 verfeindeten Fraktionen der Komitees.

Nach 7 Wochen kehrte ich nach Frankfurt zurück, um meinen Jahresurlaub anzutreten. Anfang September saß ich dann wieder im Flieger Richtung Teheran. Primär um die Auslieferung von Material und Ausrüstung für einen 747-Hangar der Iran Air zu koordinieren. War dies schon vor der Revolution ein mühsames, langwieriges Unterfangen, so wurde es in nachrevolutionären Zeiten nicht einfacher. Keiner traute sich eine Entscheidung zu treffen oder einen Schritt nach vorne zu machen, aus Angst vor möglichen Konsequenzen durch die Mullahs oder wer immer das Sagen hatte.
Diesmal hatte ich mich nicht wie vorher bei einer Freundin einquartiert, sondern im Hotel Intercontinental. Aus rein verkehrspolitischen Gründen und besserer, schnellerer Erreichbarkeit des Büros und anderer Lokalitäten. Der Hotelpool war natürlich geschlossen, der geneigte Hotelgast hätte sich ja von seinem Zimmerfenster aus am Anblick mangelhaft bekleideter Frauenspersonen delektieren können. Obwohl letzteres unter Androhung von strengen Strafmaßnahmen auch tabu war. An der Hotelbar gab es süffige Flips und Softdrinks. Eines Tages konnte ich sogar beobachten, wie Mitglieder des Komitehs wohl sämtliche noch vorhandene Restvorräte an Alkoholika vor dem Hoteleingang demonstrativ in den Gully entleerten. Das nannte ich Alkoholmißbrauch hoch drei. Hätte den Booze den Hotelgästen mit saftigen Preisaufschlägen angeboten und mit dem Erlös das Los der Bedürftigen verbessert, was ja offiziell zu den erklärten Zielen der Mullahs zählte. Hin und wieder patrouillierte das Komiteh die Hotellobby, mit lasziv von den Schultern baumelnden Kalaschnikows, H&Ks, Uzis oder sonstigen gerade zur Verfügung stehenden Schießprügel. Allerdings ohne die Hotelgäste in irgend einer Art und Weise zu belästigen. Zu jener Zeit tummelten sich viele illustre Gäste aus dem News- und Medienbereich im Hotel um von vor Ort in alle Welt zu berichten. Auch Peter Scholl-Latour hatte mit seinem Team dort Logis genommen.

Und dann kam der schicksalsträchtige 4.November.


Fortsetzung folgt

Copyright Penzelärger
Verbreitung oder Vervielfältigung
nur mit ausdrücklicher Erlaubnis
des Verfassers

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #16 am: Oktober 24, 2020, 10:28:49 Vormittag »
Eastsider,

Hatte heute endlich mal Zeit, mir alle Folgen durchzulesen. Das hört sich nach einer sehr interessanten und spannenden Biographie an. Freu mich schon auf die nächste Folge.

Schönes Wochenende.

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #17 am: Oktober 24, 2020, 17:36:09 Nachmittag »
@Del Norte

Danke - freue mich über jegliche Kommentare, Kritiken oder Fragen.
Aber natürlich über positive Reaktionen.

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #18 am: Oktober 24, 2020, 17:40:26 Nachmittag »
Teheran 1979 (Folge 2)

Wie üblich war ich am Morgen des 04.November mit einem Hoteltaxi unterwegs zum Büro. Allerdings war mir schon seit Tagen das direkte Absetzten vor dem Büro (zufällig direkt neben der deutschen Botschaft) verwehrt. Um die chaotische Verkehrssituation in der Stadt unter Kontrolle zu bekommen, war seitens der Stadtverwaltung dekretiert, daß nur Fahrzeugen mit mindestens 3 Insassen Einfahrt zu bestimmten Stadtvierteln gewährt wurde. Da mein Fahrer und ich zusammen die erforderliche Kopfzahl nicht aufbringen konnten, mußte ich ca. 2 km vor dem Büro aussteigen und den Rest Richtung Süden zu Fuß zurücklegen.

Dieser Umstand machte mir nicht mal die Hälfte aus, lag der Drop Off Point doch an der Kreuzung zweier Magistralen, mitten in meinem alten Barrio. Die ost-westführende, breite Takht-e-Jamshid, mit meiner vormaligen Dienstwohnung ein paar hundert Meter in westlicher Richtung, in einer ruhigen Nebenstraße gelegen. Und paar weitere hundert Meter in entgegengesetzter, östlicher Richtung das Areal der US-Botschaft. Ein alter Kollege aus Londoner und enger Freund in Teheraner Zeiten hatte sein Büro direkt gegenüber der Botschaft. Dadurch wußte ich, wie es davor und drinnen aussah. Aus der „Ferne“ konnte man Demonstranten ausmachen, die vor dem Botschaftseingang gegen den großen Satan USA skandierten, in jenen Tage nichts ungewöhnliches.

Ungewöhnlich für mich war dann der Anblick, der sich mit bot, als ich um die Ecke abbog in die Nord-Süd-Magistrale Ferdowsi Avenue, deren Verlauf in südlicher Richtung mich direkt zu meinem Büro führte: ein Demonstrationszug kam aus dieser Richtung hoch, die ganze Breite der Straße und Teile der Gehwege einnehmend, ausgestattet mit den für solche Events unabdingbaren Regalien wie Spruchbändern und Fahnen und lautstark mit Slogans wie „Mordebad Shah“ und „Down with America“ die sofortige Liquidation sowohl des Herrn Shahinshah als auch der USA als solche fordernd. Als höflicher Zeitgenosse trat ich einen Schritt auf die Seite, um den Gang der Dinge nicht zu behindern. Hatte keine Ahnung wieviele Demonstranten da an mir vorbeigezogen waren, aber irgendwann mal ist ja jeder Demonstrationszug zu Ende. Setzte meinen Spaziergang fort, ohne mir weiter Gedanken über das soeben Erlebte zu machen. An der nächsten Kreuzung - ich weiß heute noch nicht, welcher Teufel mich da geritten hatte - erinnerte ich mich an eine damals erst kürzliche Ausgabe des Playboy mit einer Liste von 10 Dingen, die im Leben eines Mannes als obligatorisch angesehen wurden: von 10.000 Persern in einer Demonstration eingekeilt zu sein ! Nun konnte ich der Zukunft getrost entgegen sehen, meine persönliche Liste war eröffnet …

Der Rest des Tages verlief dann wie immer - in ruhigen Bahnen. Dann, am späten Nachmittag, stoppte ich vor meinem Büro eines der allgegenwärtigen orangen Taxis, um mich aus der no-entry- zone kutschieren zu lassen. Das war möglich, weil außer dem Fahrer bereits 2 Fahrgäste im Taxi saßen und alles völlig legal war. Obwohl ich oft als Perser durchgegangen war, agnostizierte man mich sofort als Ausländer ob meines holprigen Farsi (was mir nie und nimmer zum Nachteil gereichte).
Und wurde sofort mit der News überschüttet, daß die US-Botschaft gestürmt, eingenommen und Geiseln genommen waren. In solchen Situationen steht eine gewisse Vorsicht zu Gebote. Erst mal die allgemeine Stimmung ausloten, bevor man das Maul aufmacht. So meine Frage: „And, what do you think about it ?“  Antwort uniso: „No good, will all bring us into trouble“
Fazit: Dem Volk aufs Maul geschaut und später von der Geschichte als korrekt erwiesen !

Fortsetzung folgt

Copyright Penzelärger
Verbreitung oder Vervielfältigung
nur mit ausdrücklicher Erlaubnis
des Verfassers

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #19 am: Oktober 25, 2020, 12:06:20 Nachmittag »
Teheran 1979 (Folge 3)

Die verbleibende Woche bis zum Rückflug nach Frankfurt verlief für mich ruhig und in geordneten Bahnen. Die Medienpräsenz im Hotel wuchs rapide an. Ließ mich davon nicht aus der Ruhe bringen. Genoß den nachmittäglichen Kaffee mit Schwarzwälder Kirschtorte im Foyer und beobachtete das Kommen und Gehen und ließ alles auf mich einwirken. Und natürlich ein Plausch hier und da mit anderen Hotelgästen aus aller Welt.

Rückwirkend betrachtet hat die Geiselaffäre in der Welt mehr Aufmerksamkeit erregt als im Iran selbst. Natürlich zogen die Mullahs und die beteiligten Studenten ihren Propagandanutzen daraus. Alle Iraner, die ich darauf ansprach, zucken nur mit den Achseln mit desinteressierten Mienenspiel im Gesicht. Die „Action“ fand nur vor der Botschaft statt, in allen anderen Orten, Locations und Stadtteilen, die ich besuchte, herrschte Ruhe.

Bei meiner Ankunft in Frankfurt zeigte sich mein Umfeld erfreut mich wieder zu sehen – was mich wiederum auch erfreute. Widersprechen mußte ich diversen Vermutungen, ich wäre froh und erleichtert, „von dort“ heil rausgekommen zu sein. Ging hin und wieder so weit, daß ich mich für meine Tätigkeit dort rechtfertigen und verteidigen mußte.
Konnte allerdings derartige Reaktionen nachvollziehen. Wenn im TV den ganzen Tag lang die Szenen vor der Botschaft wieder und wieder über den Bildschirm flimmerten, mußte man schon mal den Eindruck von Aufruhr und Anarchie erhalten. Und Bilder der Ruhe und des Friedens nur ein paar Straßen weiter sind halt nicht so publikumswirksam ...

Jedenfalls bin ich seit dem nicht mehr in den Iran zurückgekehrt. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil meine Pläne in eine andere Richtung gedacht waren.
Die Entwicklung in der Botschaftssache habe ich die gesamten 444 Tage täglich in den Medien mitverfolgt. Bis zum Ende hatte ich den Irak hinter mir und bereits Wurzeln in den USA geschlagen.

Hiermit schließe ich in diesem Thread die Unterrubrik „Aufruhr, Revolution und Krieg“ ab.
Weiter wird es dann mit Naturereignissen gehen. Da diese ziemlich kurzlebig sind, werden meine Erinnerungen dazu mit Kürze gesegnet werden.

Fortsetzung folgt

Copyright Penzelärger
Verbreitung oder Vervielfältigung
nur mit ausdrücklicher Erlaubnis
des Verfassers

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #20 am: Oktober 26, 2020, 11:04:31 Vormittag »
Naturereignisse (Folge 1)

Teheran, 16.September 1978

Nicht schon wieder Teheran ! Das mag manchen aufmerksamen Leser durch den Kopf gehen angesichts der Überschrift. Nun, ich möchte dieses Mal in chronologisch korrekter Reihenfolge berichten, und der Iran steht datumsmäßig eben ganz oben auf der Liste.

Also, an jenem frühen Abend saßen mein bereits erwähnter 2.Nachfolger und ich in den Fauteuils meines Wohnzimmers in der obersten, 9.Etage des Wohngebäudes. Ich warf gerade einen Super-8 – Streifen von meinem Kanada-Urlaub im Jahr zuvor an die Wand. Wir waren bereits beim 2. oder 3. Schweizer Dosenbier, als sich plötzlich ein Klappergeräusch in den Räumen einstellte. Zunächst maß ich dem keine Bedeutung bei, machte dann als Ursache die leeren Kleiderbügel in der Garderobe aus. Die mentale Überlegung über den Ursprung erübrigte sich von selbst, als wir beide das Schwanken erst der Sessel und dann des gesamten Gebäudes fühlten.

Da dämmerte es mir: Erdbeben – raus hier, sofort !

Kollege wollte gleich den Aufzug hochholen, aber ich machte ihm gleich Licht ans Fahrrad. Alle neun Etagen die Treppen runter und raus auf die Straße. Da war das Erdbeben wohl schon vorüber.
Um uns rum keine ersichtlichen Schäden, auch keine Panik unter den Passanten. Man schien derartiges gewohnt zu sein. Also wieder die neun Etagen hoch (unter peinlichster Vermeidung des Aufzuges), kurze Inspektion der Räumlichkeiten (ohne ersichtlichen Befund) und Einweisung einer neuen Runde Schweizer Dosenbiers (nach dem Schreck gerechtfertigt).

Dann, später, wurden die Eckdaten bekannt: Magnitude über 7, Epizentrum im zentral-iranischen Tabas, ca. 900 km südöstlich von Teheran. Leider kostete dieses Erdbeben den Großteil der Bevölkerung von Tabas das Leben.
In der Hauptstadt gab es keine Beschädigungen. Bei Freunden schwappte der Pool über, ein anderer Freund soll dem Vernehmen nach bei Ausübung eines Vorabend-Nickerchens fast vom Kanapee gefallen sein. Aber dies ist ein On-Dit und trivial angesichts der Schäden und der Opferzahlen im Epizentrum.

Für mich war und ist dies das einzige Erlebnis der Art, auf ein zweites lege ich keinen Wert.

Nur in den 90er wackelte in unserer Zinswohnung im 13.Stock des Depressionssilos zwischen Frankfurt und Hanau 2mal kurz und kaum fühlbar die Erde. Hatte danach als Vorsichtsmaßnahme mit unseren Kindern hin und wieder eine Notfallübung praktiziert: „Erdbeben !“ - und beide verkrochen sich augenblicklich unter die Tische. Sicher ist sicher !

Zum nächsten Ereignis geht es dann über den großen Teich ins Amiland.

Fortsetzung folgt

Copyright Penzelärger
Verbreitung oder Vervielfältigung
nur mit ausdrücklicher Erlaubnis
des Verfassers

*

ebv

  • ****
  • 344
    • Profil anzeigen
Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #21 am: Oktober 26, 2020, 13:30:40 Nachmittag »
Danke für deine Berichte ! Gerne gelesen.

Ursache war eine "dip-slip" Störung (https://en.wikipedia.org/wiki/Thrust_fault), bei der entlang einer Störung ein Krustenteil gegenüber einem anderen abrutscht (oder aufgeschoben wird). Die freigesetzte Bewegungsenergie lag wohl lokal über der rein rechnerischen Mag 7.4 (bis 8.1 ?), lokale Beschleunigung erreichte nahezu ein g.

"An updated study on near-fault ground motions of the 1978 Tabas, Iran, earthquake" Yaghmaei-Sabegh, Tsang 2011
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1026309811001428

Ganz frisch: "Using historical aerial photographs to measure earthquake deformation: Testing the effects of scan resolution" Zhou et. al. 2021 (pre-Print)
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0034425720304910

"The 1978 Tabas, Iran, earthquake: An interpretation of the strong motion records" Shoja-Taheri, Anderson 1988
https://pubs.geoscienceworld.org/ssa/bssa/article-abstract/78/1/142/102289/The-1978-Tabas-Iran-earthquake-An-interpretation

So als Untermaurung :-)

« Letzte Änderung: Oktober 26, 2020, 13:32:30 Nachmittag von ebv »

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #22 am: Oktober 27, 2020, 16:42:04 Nachmittag »
@ebv

danke für Deine interessanten Artikel.

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #23 am: Oktober 27, 2020, 16:46:06 Nachmittag »
Naturereignisse (Folge 2)

New York City bzw. Bloomfield NJ Januar 1982

Im Gegensatz zu Erdbeben kündigen sich Blizzards rechtzeitig an. Obwohl die Aussage betreffend der Erdbeben so auch nicht ganz richtig ist).
Jedenfalls, Mitte oder Ende Januar, mit der Jahreszahl liege ich hoffentlich richtig, kündigten die Wetterfrösche auf allen TV-Kanälen einen schweren Blizzard an. Da ich bis zu jenen Tagen noch nie einen Schneesturm mit einer derartigen Einstufung erlebt hatte, war es mir nicht möglich, die Implikation „schwer“ einzuordnen.

Das Eintreten des Ereignisses war für Freitag um die Mittagszeit angesagt. Am Morgens jenen Freitags fuhren meine damalige Frau und ich in ihrem Kübel von unserem Wohnort Bloomfield (NJ that was) nach Newark (ebenfalls NJ) zum Campus des NJIT, wo wir uns trennten. Ich, um mit ÖPNV ins Büro im World Trade Center (jetzt aber NY) weiter zu fahren. Meine Frau, um erst mal Hallenschwimmen zu praktizieren und danach ihren Studien nachzugehen. Beim Abschied gab ich nochmals nachdrücklich meine Hoffnung kund, sie möge doch bitteschön beim Fallen der ersten Schneeflocken unverzüglich ihre Ludenschleuder nach Hause lenken und selbige dort nicht auf der Straße direkt vor der Haustür zu parken, sondern gegenüber auf dem kleinen Parkplatz.

Nun gut, im Büro plätscherte die Arbeit so vor sich hin, viele schienen vorsichtshalber erst mal gar nicht zur Arbeit gefahren zu sein. Um 11:00 Uhr Meldung aus Baltimore: es fängt an ! Um 12:00 Uhr gleichlautend aus Philadelphia. Punkt 13:00 Uhr erreichten die Schneemassen dann New York City. Das Management verkündete den sofortigen Shutdown des Büros, sogar ohne Notwendigkeit einer Skeleton Crew.

Die Wegstrecke nach Hause von der 77.Etage des WTC mit Expresslift, Rolltreppen, Path Train, Newark City Subway und Bus war teilweise unterirdisch oder überdacht, also immer schön geschützt vor den Naturgewalten.

Nach der Ausfahrt aus dem Tunnel hinter Jersey City dachte ich beim Blick nach draußen „Öha !“
Beim endgültigen Aussteigen aus dem Bus traf mich der Sturm mit voller Wucht, für die ich nicht so passend gewandet war. Die  ca. 400 Meter schaffte ich aber dann noch gerade so . Im Hauseingang gründlich durchgeschüttelt, abgeklopft und rein in die wohlig warme Stube.
Meine (nach wie vor) damalige Frau hatte meinen Rat beherzigt und wartete bereits auf mich.

Der Kühlschrank war wohl gefüllt, die Biervorräte ausreichend, ebenso das Katzenfutter. So we locked up, drew the curtains down and holed up, letting nature run its course.

Fortsetzung am nächsten Morgen folgt

Copyright Penzelärger
Verbreitung oder Vervielfältigung
nur mit ausdrücklicher Erlaubnis
des Verfassers
« Letzte Änderung: Oktober 30, 2020, 10:27:59 Vormittag von Eastsider »

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #24 am: Oktober 28, 2020, 10:15:45 Vormittag »
Naturereignisse (Folge 3)

 Fortsetzung New York City bzw. Bloomfield NJ Januar 1982

Am nächsten Morgen riskierte ich einen Blick aus dem Fenster und sah das Resultat des damals zweitheftigsten Blizzards in 50 Jahren.
Da erinnerte ich mich an einen Satz, geschrieben von Emphraim Kishon, der da lautete:
„In der heutigen Literatur wird die epische Schilderung von Naturkatastrophen als minderwertig angesehen“.
Deshalb beschränke ich meinen Bericht auf die knappe Feststellung, daß ich noch nie so viel Schnee auf einem Haufen gesehen hatte.

In der Nachbarschaft war man damit beschäftigt, zumindest Trampelpfade zu den geparkten Autos freizuschaufeln. Aber wohin sollte man den überhaupt fahren ? Unsere kleine Sackgasse hatte der Schneeräumdienst noch nicht erreicht. Selbst auf allen großen Straßen herrschte das erwartete totale Chaos. Da wir keinerlei Veranlassung hatten, an jenem Samstag irgendwo hin fahren zu müssen, legte ich mir in Sachen Schneeschaufelei eine komplette Zurückhaltung auf.

Am nächsten Tag, dem Sonntag, überkam mich dann das plötzliche Verlangen, den äußerlichen Ausdruck unserer sozialen Position ausfindig zu machen, also unseren fahrbaren Untersatz.  Mittlerweile war eine rudimentäre Räumaktion erfolgt, so mußte ich mich durch noch höhere, aufgehäufte Schneeberge kämpfen, um auf den Parkplatz auf der anderen Straßenseite zu gelangen. Die Konturen der dort geparkten Fahrzeuge ließen keinen Rückschluß auf Größe, Typ, Fabrikat etc. zu, mit Ausnahme von Vans und vielleicht offenen Kabrios.
Die ersten zwei Versuche, mittels eines Handbesens die Farben festzustellen, brachten nicht das erhoffte Resultat. Beim dritten Fahrzeug kam ein vielversprechendes Metallic Blue zum Vorschein, und bei weiteren Besenbemühungen kam dann tatsächlich der Chevrolet Camaro ans Tageslicht.
Dort beließen wir ihn auch für die nächsten Tage bis sich die Lage einigermaßen normalisiert hatte. Nach meinen eigenen Beobachtungen sind die Amis ein Volk von Schönwetter-Fahrern. Beim Aufprall der ersten Regentropfen auf den Asphalt wird sofort in heftige Panik verfallen und Chaos bricht aus. Und bei verschneiten Straßen potenziert sich das Verhalten. Und da zu jener Zeit der Chevy unser einziger fahrbarer Untersatz  war (gesellschaftlich völlig untragbar), wollten wir nichts riskieren. Ich war (und bin nach wie vor) gewohnt, mich mit ÖPNV fortzubewegen, Madame kostete das allerdings sichtliche Überwindungskraft und das Gejammer war groß.

Ein paar wenige Jahre später - ich war nach Staten Island im Staate New York umgezogen und wohnte in einem am Steilhang gelegenen Depressionssilo – wurde mir bereits bei moderaten Schneefall der Unterschied zwischen Front- und Hinterradantrieb bewußt. Ich hatte mir durch Erwerb einer japanischen Reisschüssel, sprich Subaru Station Waggon, eine eigene, gesellschaftlich halbwegs akzeptable soziale Position geschaffen. Und damit keine Probleme beim Hinauffahren bzw. Parken, alle anderen Anwohner mit großhubrigen Amischlitten hatten sich an das Geräusch durchdrehender Hinterreifen gewöhnen müssen.

Nächste Episode ebenfalls aus dem Amiland

Fortsetzung folgt

Copyright Penzelärger
Verbreitung oder Vervielfältigung
nur mit ausdrücklicher Erlaubnis
des Verfassers

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #25 am: Oktober 29, 2020, 14:31:13 Nachmittag »
Naturereignisse (Folge 4)

New York City September 1985

September ist bekanntlich Hurricane Season in den USA. Fünf Jahre lang ging der Kelch an mir vorbei, aber irgendwann ist es mal so weit.

Hurricane Gloria kündigte sich brav an, irgendwo draußen im Atlantik. Im TV war der Verlauf und die Auswirkungen verfolgbar. Da mir jegliche Erfahrungs- und Vergleichswerte fehlten, beschränkte ich mich im Vorfeld auf das Wesentliche: genügend Vorräte an Bölkstoff ranzuschaffen. Und meine traditionelle Geburtstagsparty sicherheitshalber ersatzlos zu streichen. Fenster auf ordnungsgemäßen Verschluß hin überprüft und potentielle Geschoße von und in der Umgebung derselbigen entfernt. Meinen Subaru nicht vor dem Gebäude geparkt, sondern in der Nebenstraße, in Sichtkontakt und weg von den großen Bäumen. Abends fing es dann an: der Wind wurde immer stärker, so auch der Regen. Wie soll man das Ereignis beschreiben ? Wie ein starkes Unwetter – nur halt anders …

Am nächsten Morgen - der Hurricane wütete mit unverminderter Kraft weiter – mußte ich mich auf den Weg ins Büro machen.  Es war meine 1.Woche in einer neuen Firma, und ich wollte nicht gleich unangenehm auffallen. Also so gut wie es ging wetterbeständig eingepackt und raus uff de Gass'. Nach ein paar Metern auf Höhe meines Station Waggons war ich schon patscherd naß. Also zog ich mich erst mal in mein Appartement zurück, um mich mit mir selbst über die weitere Vorgehensweise zu beraten. Zunächst mal nahm ich telefonischen Kontakt mit meinem neuen Chef (der auch mein alter gewesen war) auf, um zu sehen ob das Büro überhaupt in Betrieb war. „Ja, warum ?“ lautete die Antwort. Also kündigte ich mein Eintreffen mit leichter Verzögerung und dem Ausdruck des Bedauerns an. Andere Firmen hatten bereits am Vortag die Schließung Ihrer Büros verkündet.

Also in frische, trockene Klamotten gewechselt, eine weitere Jeans in den Aktenkoffer gepackt (der Trend ging damals schon zur Zweit-Jeans) und raus auf die ca. 1.000 m runter zur Staten Island Ferry, die wider Erwarten den Betrieb nicht eingestellt hatte. Die 30minütige Überfahrt nach Manhattan gestaltete sich etwas ungemütlich, aber ich war relativ seefest. Dann nach Anlandung über die Straße und die paar Meter zu One Whitehall St. Dann war ich wieder im Trockenen. Dort – im Büro – gähnende Leere ! Alle Residenten von Long Island fehlten, denn die LIRR hatte den Betrieb eingestellt. Andere Angestellte aus umliegenden Boroughs hatten es nicht gewagt, die Füße vor die Türen zu setzten. Nur eine handvoll Kollegen/innen waren präsent. Nach Jeans- und Sockens-Wechsel machte ich mich dann ohne Schuhwerk (es war leicht durchnäßt) an die Leitung der Amtsgeschäfte.

Auf der späteren Rückfahrt herrschte bereits wieder Sonnenschein, wenn auch der Wind noch etwas heftig um die Ecke kam. Keinerlei Sturmschäden am Auto, im Appartement ebenfalls keine wie auch immer gearteten Schäden. Ein Haufen anderer Leute hatten da weniger Glück gehabt.

Ende des Zyklus „Ereignisse der Weltgeschichte“

Copyright Penzelärger
Verbreitung oder Vervielfältigung
nur mit ausdrücklicher Erlaubnis
des Verfassers

*

Cora

  • ****
  • 424
    • Profil anzeigen
Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #26 am: Oktober 30, 2020, 14:21:21 Nachmittag »
Du bist echt ganz schön gut drauf.
Das Lesen Deines Berichts wurde meinerseits mit einem Dauergrinsen begleitet ...
Danke Dir  ;)


Sorry ... ich weiß, mein Humor ist manchmal bissi dunkel und auch gewöhnungsbedürftig.
« Letzte Änderung: Oktober 30, 2020, 14:27:46 Nachmittag von Cora »

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #27 am: Oktober 30, 2020, 17:24:39 Nachmittag »
@ Cora,

danke für die Blumen, das freut jeden Autor.

Jetzt muss ich überlegen, ob und auf welchem Wege ich weiter verfahren soll.

Schau'n mer mal.
« Letzte Änderung: November 01, 2020, 03:16:06 Vormittag von Eastsider »

Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #28 am: November 09, 2020, 17:41:47 Nachmittag »
Hochverehrte Leserschaft,

die bisher von mir eingestellten Geschichten sind der Beginn meiner (noch zu verfassenden) Lebenserinnerungen und -erfahrungen, die insgesamt natürlich wesentlich umfangreicher als das bisher Geschriebene sein werden.

Nun möchte ich weder die technische Einrichtung des Forum weiter für diesen Zweck mißbrauchen noch selbiges inhaltlich mit inselfremden Themen überhäufen.

Wer die Geschichten weiterhin verfolgen möchte, der möge mir bitte eine persönliche Mitteilung mit seine(r) E-Mail - Adresse senden. Ich werde dann meine derzeitigen Vorstellungen jedem Antwortenden mitteilen.

Nachrichten und insbesondere die E-Mail - Adressen werden streng vertraulich behandelt, die Adressen an keinen Dritten weitergegeben oder -verkauft.

*

Cora

  • ****
  • 424
    • Profil anzeigen
Re: Ereignisse der Weltgeschichte - und ich war dabei
« Antwort #29 am: November 09, 2020, 20:56:25 Nachmittag »
Hallo Eastsider,
ich möchte gerne weiterlesen, deshalb ist ne Mail an Dich bereits unterwegs :) .

Danke Dir und alles Liebe von Cora