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Ein Gastbeitrag von Rose Marie Dähncke: Die Nummer wartet vor der Tür (im Jahr 1985)

25. julio 2022 La Palma 24 Jetzt ersten Kommentar schreiben!

Apotheke in Santa Cruz © Rose Marie Dähncke

"Mamaaa, ich bin total gelähmt" rief meine Tochter mir wehklagend vom Bett aus zu. Sie konnte sich überhaupt nicht rühren und lag stocksteif und hilflos da. "Am besten gehst Du gleich zu meinem Arzt-cabecera (was ich gerne als Kopf-Arzt übersetzen würde, denn cabeza heisst Kopf, was aber so etwas wie Hausarzt bedeutet, obwohl dieser Arzt nicht in's Haus kommt und ein anderer auch nicht). "Ich brauche eine Krankenbestätigung für meinen Chef, und natürlich müsste ich auch irgendwie behandelt werden."

Ein mitleidsvoller Blick noch, und ich fuhr los. Die Arztpraxis habe ich dann nie gesehen und auch nie betreten, denn man fing mich rechtzeitig draussen ab.

Vor dem besagten Haus sah ich einen Mann stehen. Eine Art Garagentor war weit geöffnet, und in dem Raum dahinter sassen an beiden Wänden entlang auf Bretterbänken Leute. Am Ende des Raumes befand sich hinter einer Glasscheibe eine Person weiss gekleidet mit Ärztemantel. Als der vor dem Haus stehende Mann mich nun eintreten sah, kam er auf mich zu und sagte: "Sie sind die Nummer 47." Aha, dachte ich, und dankte ihm. Bevor ich nun daran denken konnte, mich in den Warteraum zu begeben, hielt er mich vorwurfsvoll zurück: "Sie können da nicht einfach reingehen, sie müssen doch hier draussen stehenbleiben und dem Nächsten sagen, dass er Nummer 48 ist." Aha, dachte ich wieder, man lernt doch ständig etwas dazu.

Ich tat meine Pflicht - ganz wie eine alte Eingeborene und Nummer 47 - wurde dann aber, zum Glück und ohne zu warten, von der Arzthelferin angesprochen. Durch Haut- und Haarfarbe und ungeschicktes Benehmen hatte sie mich sofort als unbedarfte Ausländerin erkannt und half mir, den Schein schnell zu bekommen. "Und was fehlt Ihrer Tochter?" Ja, das hätte ich auch gerne gewusst. Ich erklärte ihr die Beschwerden. "Na, dann behandeln wir mal auf Hexenschuss." Mit einem Rezept für 6 Injektionen schickte sie mich zur Apotheke. Dort fragte ich, was nun? Ich solle mir einen Praktikanten suchen, der gewillt ist, die Spritze im Hause zu geben, normalerweise kommen die Kranken zu ihm.

Der erste, den ich aufsuchte, war schon tot. Letztesmal, als ich persönlich ihn brauchte, lebte er noch. Nun standen wir direkt vor Weihnachten, was die Sache sehr erschwerte, denn ausser diesem Fest werden dann ja noch Sylvester und Neujahr gefeiert und als Höhepunkt der 6. Januar, der Bescherungstag für Gross und Klein. Es wunderte mich deshalb gar nicht, als ich beim nächsten Praktikanten ein Schild an der Tür fand "bis 7. Januar krank". Beim zweiten stand "bis 7. Januar geschlossen", und mehr hatten wir nicht. So ging ich zurück zur Apotheke. Man war dort sehr nett und geduldig: "Wissen Sie, entweder Sie machen es selbst, oder Sie fragen irgend jemand von den alten Leuten auf der Strasse, die können alle Spritzen geben."

Wie denn, was denn, sollte ich nun jedesmal jemand suchen, ihn zu der Kranken fahren und wieder zurück, und was gab ich ihm dafür? Das konnte doch unmöglich das normale System sein? Rasch stellte ich mir die alten Leute vor, wie sie eben noch die Ziege gemolken haben (jeder hat hier eine) und nun schmuddelig, barfuss in abgetragenen Schuhen daherschlurften, mit Krampfadern oder Alterszittern. Nein, keiner von denen sollte in meine Tochter pieken, dann wollte ich es lieber selbst machen. Entschlossen bat ich die nette junge Apothekerin, mir zu zeigen, wie man das macht. Sie ging mit mir ins Hinterzimmer, wie ich glaubte, um ihr Popöchen freizumachen, aber nein, sie hob nur die Bluse an und zeigte mir rückwärtig auf ihren engsitzenden Jeans den Einstichpunkt direkt über der aufgesetzten Tasche.

Nun wusste ich ganz genau, aber ich hatte vergessen zu fragen, wie tief ich reinstechen musste. Dazu kam, dass meine Tochter ganz anders geformt war, so dass mir auch der richtige Punkt immer schleierhafter wurde.

Irgendwie musste ich ja nun anfangen. Mit Intelligenz und Logik habe ich dann das Käppchen von der Ampulle gekriegt und die Injektionsspritze gefüllt, habe die Luft rausgelassen, wie ich es im Fernsehen mal gesehen hatte, und rein in das feine, weiche, mollige Fleisch von meinem Kind.

Es gab einen blutunterlaufenen blauen Hof, aber sie sagte: "Du, ich habe überhaupt nichts gemerkt." Nun, ich schon, mir ging es durch und durch und hat mir richtig weh getan.

Ungefähr da, wo das Riemchen der Umhängetasche sich kringelt, muss man reinpieksen. © Rose Marie Dähncke

H e u t e ist das alles ganz anders, da gibt es neue, moderne Gesundheitszentren in den Ortschaften, und man hat auch "freie Arztwahl", was immer das heissen mag, denn zu einem anderen als zu seinem Kopf-Arzt darf man doch nicht gehen. Mein persönlicher ist sehr nett und sagt "Du" zu mir, und ich duze ihn auch, weil er wohl 30 Jahre jünger ist als ich, und frage ihn auch, was seine Gesundheit macht. Viellleicht braucht auch ein Arzt ein wenig mitfühlenden Zuspruch.

Aber es ist noch gar nicht so lange her, dass wir uns sagten: wenn schon Hexenschuss, dann nicht gerade zu Weihnachten.

Von Dörthe

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