Rücklaufsysteme für Getränkeverpackungen in der Diskussion

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Seit einiger Zeit spekulieren die spanischen Medien immer wieder über eine “Revolution” in der Abfallwirtschaft des Landes. Anlass dazu gibt, dass die Regierung von Präsident Pedro Sánchez die Machbarkeit des Pfand-, Rückgabe- und Rücknahme-Systems Sistema de Depósito, Devolución y Retorno (SDDR) auf Veranlassung der Europäischen Kommission prüft. Dieses könnte das bisherige Monopol des aktuell landesweit von Ecobembes organisierten Recyclings ins Wanken bringen.

 

SIG oder SDDR: Spanien checkt

den Weg der Einwegverpackungen

SIG-System: Ecoembes managt da Container-System. Foto: La Palma 24

SIG: Ecoembes managt das Container-System. Foto: La Palma 24

SDDR ist in Spanien das, was in Deutschland als “Dosenpfand” bekannt ist: Die Verbraucher sollen zur Rückgabe von Geträckeverpackungen motiviert werden, weil sie dafür beim Kauf erstmal ein paar Cent mehr abdrücken müssen. Dagegen besteht die Funktion der Ecoembalajes España SA – kurz Ecoembes genannt – darin, sich mit allen zu einigen, die am gesamten Kreislauf beteiligt sind – das sind die verpackenden Unternehmen, die KäuferInnen, die für die Müllabfuhr zuständigen Gemeinden und die Firmen, die aus den Wertstoffen neue Produkte fertigen. Dieses integrierte Managementsystem Sistema Integrado de Gestión (SIG) umfasst derzeit spanienweit mehr als 12.000 Unternehmen, aus deren Abgaben Ecoembes die Mehrkosten bezahlt, die den Gemeinden durch die Rücknahme von Verpackungen in den Containern entstehen. Die in den gelben Containern gesammelten Wertstoffe kommen zunächst in Sortieranlagen und dann zu den Recyclingbetrieben. Die in den blauen Behälter eingeworfenen Reste aus Papier und Pappe wandern direkt in die Betriebe, die aus ihnen wieder Rohstoffe machen.

SDDR: So stellt sich Retorna das Pfandsystem für Getränkeverpackungen vor.

SDDR: So stellt sich Retorna das Pfandsystem für Getränkeverpackungen vor.

SDDR oder SIG? Das ist in Spanien schon seit längerem die Frage. Über Vor- und Nachteile wird heftig gestritten, und auch darüber, wer eine unabhängige Studie über die beiden Systeme erstellt. Denn die Einwegverspackungsindustrie wehrt sich gegen ein Pfand- und Rücknahmesystem. Die Befürworter von SDDR dagegen monieren, dass viele Verbraucher die nicht mit einem Pfand belegten Plastikflaschen, Getränkedosen oder Tetrapacks oft einfach wegwerfen und Straßen, Parks und Ökosysteme verschmutzen.

Retorna ist eine gemeinnützige Organisation, die sich für die Einführung des SDDR einsetzt. Angeprangert wird, dass in Spanien täglich rund 28 Millionen leere Getränkeverpackungen anfallen, von denen nur circa ein Drittel in den entsprechenden Reycling-Containern landet. Retorna schlägt vor, 10 Cent Pfand pro Einheit zu verlangen und verweist auf Länder wie Deutschland, bei denen dieses System von Erfolg gekrönt ist. Dabei will Retorna das SIG gar nicht abschaffen: Das SDDR könnte parallel dazu laufen und würde nur die Effizienz des bisherigen Wertstoff-Recyclings steigern.

Deutschland:

Deutschland: 2006 wurde das flächendeckende Rücknahmesystem für Getränkeverpackungen eingeführt. Für Verwirrung sorgt allerdings nach wie vor die Unterscheidung zwischen Einweg- und Mehrwegverpackungen.

Ein Blick auf Europa zeigt, dass es beim Rücklauf der Wertstoffe vom Verbraucher keine Einheitlichkeit in den Mitgliedsstaaten gibt. In Deutschland zum Beispiel wurde schon 2003 die Pfandpflicht für Einwegverpackungen von Getränken eingeführt, was anfangs zu viel Verwirrrung bei den Verbrauchern führte. Erst das drei Jahre später installierte flächendeckende Rücknahmesystem in den Handelsunternehmen brachte den Erfolg – nach Angaben des Bundes der Getränkeverpackungen der Zukunft wird inzwischen eine Rückgabequote von 98,5 Prozent verzeichnet. Außerdem können nach Angaben des Verbandes die Wertstoffe PET, Aluminium und Stahl effizient wiederverwertet werden. In der Schweiz wird ebenfalls ein Flaschendepot genanntes Pfand auf Getränkedosen sowie auf Flaschen aus Glas oder PET-Kunststoff erhoben.

Grund für die unterschiedlichen Herangehensweisen in den Ländern ist, dass das EU-Abfallsrecht neben den für alle Mitgliedsstaaten gültigen Verordnungen auch Richtlinien enthält, die national verschieden umgesetzt werden können. 2018 hat das Europäische Parlament umfangreiche Änderungen an den Richtlinien zur Vermeidung, Verwertung und Beseitigung von Abfällen in der EU beschlossen. Die Mitgliedstaaten müssen Maßnahmen treffen, um die Wiederverwendung von Produkten zu stärken, und sie sind aufgefordert, Systeme zu schaffen, die Reparatur und Wiederverwendung fördern. Ziel: Bis 2035 sollen 65 Prozent der Abfälle recycelt werden. Denn der bereits 2015 präsentierte Aktionsplan Kreislaufwirtschaft der EU fordert, Wertstoffe angesichts der Rohstoffarmut in Europa übers Recycling wieder in den Produktionsprozess zurückfließen zu lassen, um langfristig die europäische Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen.

Pfandflaschen aus Glas gibt es auch auf La Palma: Die Alternative zu Plastik und Dosen ist bereits jetzt möglich. Foto: La Palma 24

Pfandflaschen aus Glas kann man schon jetzt auf der Isla Bonita kaufen: Wer eine Alternative zu Plastik und Dosen sucht, wird fündig. Foto: La Palma 24

Im Blick auf die von der EU geforderte Vermeidungsrichtlinie darf beim Pfandsystem jedoch eines nicht vergessen werden: Es bedeutet nicht unbedingt, dass die zurückgegeben Getränkebehälter mehrfach befüllt werden. Die Verbraucherzentrale erklärte Anfang 2019, dass Mineralwasser und Erfrischungsgetränke zunehmend in Einweg-Kunststoff-Flaschen verkauft werden: “Der Anteil an Mehrweg-Flaschen bei Mineralwasser hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als halbiert, von 93 Prozent in 1991 auf knapp 39 Prozent in 2016”. In Deutschland zeigt sich, dass die meisten PET-Flaschen nur für eine einzige Abfüllung genutzt werden und nach ihrer Rückgabe in andere Kunststoffprodukte münden. Umweltschützer empfehlen deshalb, Wasser zum Beispiel in Mehrwegflaschen aus Glas oder Plastik aus der Region zu kaufen, denn je größer die Transportentfernung sei, desto geringer werde der ökologische Vorteil von Mehrwegverpackungen. Aber auch dabei gibt es in der Praxis wieder ein Problem: Plastikmehrwegflaschen brauchen Etiketten oder Symbole, um sie im Supermarkt schnell und einfach von Plastikeinwegflaschen zu unterscheiden.

Ein Beweis, dass die Menschen Pfandsystemen offen gegenüberstehen: Der Versuch von Tu Trebol auf Teneriffa.

Ein Beweis, dass die Menschen Pfandsystemen offen gegenüberstehen: Der Versuch von Tu Trébol auf Teneriffa.

In Spanien und auf La Palma ist das alles noch Zukunftsmusik. Aber eines kann man schon jetzt ohne jedes Problem und ohne Verwirrung tun: beispielsweise Wasser von der Insel und Bier aus der Provinz in Glasflaschen kaufen, die es in Supermärkten und im Getränkehandel auch kistenweise gibt. Laut dem Verbraucherschutz können Mehrweg-Glasflaschen bis zu 50 Mal wieder befüllt werden und bis zu sieben Jahre im Umlauf sein.

Ein Versuch der kanarischen Tu Trébol-Supermarkt-Kette deutet darauf hin, dass die Menschen auf den Inseln Pfandsystemen nicht abgeneigt sind: In Filialen auf Teneriffa wurden Anfang 2019 Automaten aufgestellt, in die Plastikflaschen und Dosen eingeworfen werden können, wobei die KundInnen als Belohnung einen kleinen Nachlass auf ihren Einkauf bekommen. Zum Erstaunen der Geschäftsleitung war der Erfolg größer als gedacht, und die Automaten müssen häufiger als geplant geleert werden.

Diese Website des Europaparlament zeigt Statistiken über die Abfallwirtschaft der Mitgliedsstaaten – darunter auch eine Tabelle über die Siedlungsabfälle in den Ländern und ihre Recyclingquoten.

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