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Die deutsche Wanderlust geht letztlich aus dem abenteuerlichen Sehnen nach einem idealen Land hervor
Gustav Freytag

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Weltschmerz auf der schönen Insel? – Ein Kammermusikabend mit Dvořák, Berg und Mahler auf La Palma

5. Februar 2020 Gastbeitrag Jetzt ersten Kommentar schreiben!

Teatro Circo de Marte © lapalmabiosfera.es

Das Royal Concertgebouw Orchestra ist wohl jedem Klassikfan ein Begriff. Doch haben Sie schon einmal vom Ensemble Camerata RCO gehört? Vor einigen Jahren haben sich ein paar Mitglieder des renommierten Orchesters der niederländischen Hauptstadt als Kammermusikgruppe zusammengetan, um – wie die offizielle Website verrät – den Genuss des gemeinsamen Musizierens auf einer „persönlicheren und vertrauteren“ Ebene zu erfahren und sich dabei gegenseitig noch besser kennenzulernen.

Auch der erfrischende Kontakt mit dem Publikum, der sich im kleineren Kreis ergibt, ist offenbar ein entscheidender Antrieb hinter dem Projekt. Nach eigenem Bekunden hat das Ensemble in der Gestaltung seiner Programme und der Wahl seiner musikalischen Partner völlig freie Hand; die Konzerthistorie sowie das Repertoire und die Cover der kleinen Diskografie vermitteln allerdings den Eindruck, dass die Musiker zu getragenen Klängen tendieren. Im Webshop des Ensembles werden elf Alben mit Titeln wie „Music for the mourning spirit“ angeboten, im jüngeren Konzertprogramm stand ein Abend ganz im Zeichen der Melancholie.

Das RCO ist für seine Verbundenheit mit dem schwermütigen Komponisten Mahler bekannt. Ob wohl der Winterblues eine Rolle gespielt hat, als das Kammerensemble sich entschied, beim 36. Festival Internacional de Música de Canarias mitzuwirken? Immerhin verheißen die fünf kanarischen Inseln, die das Ensemble in den kommenden Tagen besuchen wird, auch in der grauen und tristen Jahreszeit trostbringenden Sonnenschein.

© Hans van der Woerd

Das Programm der Tournee wirkt jedenfalls auf den ersten Blick kurios für diese sonnigen Ferienorte, die ohnehin als kulturelles Ödland verschrien sind: Geboten werden Dvořáks Bagatellen op. 47, die „Sieben frühen Lieder“ des noch ganz jungen Alban Berg sowie die G-Dur-Sinfonie Nr. 4 von dessen Freund und Vorbild Mahler.

Keinen dieser Komponisten würde man auf Anhieb mit dem Klischee vom unbeschwerten Inselleben in Verbindung bringen, eher mit Morbidität und Weltschmerz, und doch waren am Eröffnungsabend im kleinen Teatro Circo de Marte in Santa Cruz de La Palma am 29. Januar 2020 einige rührende Bezüge zu dieser „schönen Insel“ zu erkennen: Die Violinistin Annebeth Webb betritt die Bühne in einem fließenden Gewand, das mit rosafarbenen Blumen übersät ist – zur Zeit der Mandelblüte war dieses Bühnenoutfit sicherlich nicht zufällig gewählt.

Dvořáks Bagatellen, die von zwei Geigen, Cello und Akkordeon (als Ersatz für das Harmonium der Originalfassung) vorgetragen werden, eröffnen das Programm.

Fast kommt dabei ein Hauch von Seemannsromantik auf, die hier – unweit des Fährhafens – ausgesprochen stimmig wirkt. Der Vortrag ist entsprechend den fünf Satzbezeichnungen überhaupt nicht schwer und trist, und besonders das Spiel der zweiten Geige (leider sind die Namen der meisten Interpreten dieses Abends nicht herauszubekommen) wirkt charmant und lässig.

Schließlich sollen die Bagatellen ja auch unter guten Freunden und von unverzagten Amateuren gespielt werden können, und genau diese ungezwungene Stimmung stellt sich hier auf der Bühne ein.

Auch mit Bergs sieben Liedern (in der Bearbeitung von Reinbert de Leeuw) geht es unverkrampft weiter. Dass der bereits erwähnte Geiger offenbar das falsche Notenheft auf die Bühne mitgenommen hat und deswegen für eine kleine Verzögerung im Programmablauf sorgt, verzeiht das kleine Publikum – darunter erwartungsgemäß viele Deutsche und Niederländer – gern. Später wird ihm noch einmal der Kinnhalter seines Instruments herunterfallen und ein Quietscher in hoher Lage unterlaufen, doch auch das beflügelt vielmehr die ungezwungene Stimmung des Abends, anstatt für Verdruss zu sorgen.

Zu Beginn der Veranstaltung ist jedem Konzertbesucher ein kostenloses Textheft ausgehändigt worden, in dem dann auch fast alle Gäste Wort für Wort mitverfolgen, wie die Sopranistin Judith van Wanroij Bergs Vertonungen deutscher Gedichttexte interpretiert. Die Aussprache ist jedenfalls sauber, wenn auch manche Rs vielleicht etwas zu markant geraten, und die gesangliche Umsetzung der bittersüßen und manchmal beklemmenden und sogar schaurigen Texte (Lenaus „Schilflied“) überzeugt ebenso.

Der Vortrag ist düster eingefärbt und verhalten, ein gewisses Misstrauen gegenüber einer möglicherweise trügerischen Idylle schwingt hörbar mit. Wenn man es darauf anlegt, kann man interessanterweise aus jedem einzelnen Text Anspielungen auf La Palma herauslesen: „Weites Wunderland ist aufgetan/Silbern ragen Berge, traumhaft groß“ (C. Hauptmanns „Nacht“), „Wander- und Wunderland“ (Hohenbergs „Sommertage) etc. Dem Orchester unter der Leitung von Lucas Macías gelingt es, gemeinsam mit der Sängerin die Unbehaglichkeit der sieben Lieder erlebbar zu machen, die durch die düsteren, immer wieder ins Misstönende abdriftenden Melodien entsteht. Bei dem Lied „Traumgekrönt“ misslingt leider ein Einsatz.

Die schöne Idee, jedem Gast ein Textheft zur Verfügung zu stellen, stiftet jedoch leider auch kurzzeitige Verwirrung, da die Reihenfolge des Bühnenvortrags nicht mit der Anordnung der Lieder im Heft übereinstimmt. Dabei hatte Berg offenbar sogar einen dramaturgischen Ablauf für diesen Zyklus im Sinn, der an diesem Abend allerdings schon allein wegen der abweichenden Besetzung der vorgetragenen arrangierten Fassung nicht berücksichtigt werden konnte. Leider waren im Begleitheft auch kleine Fehler in den abgedruckten deutschen Texten zu entdecken.

Über die Qualität der daneben angebrachten spanischen Übersetzungen kann an dieser Stelle kein Urteil gefällt werden – höchstens, dass es interessant gewesen wäre zu erfahren, woher diese Texte stammen.

Mahlers Sinfonie Nr. 4 in der Bearbeitung von Erwin Stein für Kammerorchester bildet den zweiten Teil und damit den Abschluss dieses Konzertabends. „Bedächtig“, „ohne Hast“, „ruhevoll“ und „sehr behaglich“ sollen die vier Sätze gespielt werden, doch für die fortschreitende Uhrzeit gilt das leider nicht. Schon steht die Abfahrt des letzten Inselbusses bevor, und dabei verbleiben noch mindestens fünfzehn Konzertminuten! Über das Ende des Abends kann daher nur spekuliert werden.

Für die Zukunft wäre den Organisatoren vielleicht anzuraten, den Beginn abendfüllender Veranstaltungen auf der Insel entsprechend früh anzusetzen, damit jeder Gast die Angebote uneingeschränkt in Anspruch nehmen kann. Denn es wäre ja schade, wenn weiterhin Leute glauben, dass sich ein Kanarenurlaub und der Genuss klassischer Konzerte gegenseitig ausschließen!

Stefanie Schlatt

Weitere interessante Beiträge finden Sie im Klassik-Blog www.klassik-begeistert.de

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