Nieves Castelló: Hutmacherin kontra Plastikhalme

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Nieves pflanzt Roggen in El Paso: Die feinen Teile der Stiele nützt sie fürs Hutmachen, die groben kann man als Trinkhalme verwenden. Das ginge auch im großen Stil, meint sie.

Nieves pflanzt Roggen in El Paso: Die feinen Teile der Stiele nützt sie fürs Hutmachen, die groben sind prima Trinkhalme. Fotos: Fernando Rodríguez

Sie ist eine schöne, fleißige und vor allem eine kluge Frau: Nieves Castelló hält nicht nur das auf La Palma vom Aussterben bedrohte Kunsthandwerk der Strohhutmacherei am Leben, sie pflanzt den Roggen für ihre Sombreros inzwischen sogar selbst an. Und sie ist sicher, wenn der “Centeno” von noch mehr Leuten auf La Palma und anderswo kultiviert würde, wären die Halme aus echtem Stroh eine durchaus machbare Alternative zu den unverrottbaren Plastik-Trinkröhrchen, die Strände und Ozeane verschmutzen.

 

Nieves Castelló: Designer-Strohhüte und Umweltideen

Auf La Palma gibt es nur noch zwei Bauernfamilien, die Roggen in relativ kleinen Mengen kultivieren. Bei ihnen kauft Nieves Castelló das Stroh für ihre Hüte und Accessoires, wenn der von ihr selbst auf einem Feld in El Paso angepflanzte Centeno nicht ausreicht:

Roggen wird im Februar ausgesät, also in der Zeit, in der es normalerweise noch ab und zu regnet. Es hängt außerdem von den Niederschlägen oder den Bewässerungsmöglichkeiten ab, ob die Ernte gut ausfällt. Eine Rolle spielen natürlich auch die Anbauzone und die Qualität der Samen – ich kaufe meine im Biocumunidad-Laden in Triana, weil ich finde, dass sie sehr gut sind.

Wenn es nicht oder wenig regnet wie 2019 auf der Westseite von La Palma, muss Nieves Roggen zukaufen, denn sie hat keine Zeit, ihr Feld regelmäßig zu bewässern. Die Strohhutmacherin hofft jedoch, dass professionelle Landwirte auf der Insel wieder vermehrt Centeno anbauen, denn sie ist sicher, dass dieses Getreide nicht nur im Blick aufs Brotbacken Gewinn bringen kann:

Der Roggen gliedert sich in verschiedene Teile: Da ist die Ähre mit den Samen, die in die Lebensmittelproduktion gehen, da ist der feine Mittelteil, den wir Kunsthandwerker verwenden, und dann gibt es den dicken Teil des Stängels, der weggeworfen wird, weil er für unsere elegante Arbeit zu wenig biegsam ist. Und hier setzt die Idee an, die nicht von mir stammt, sondern auf der Peninsula bereits umgesetzt wird, jetzt müssen wir sie nur noch auf La Palma zum Laufen bringen: Die dicken Roggenhalme könnten die Kunststoff-Trinkröhrchen ersetzen, denn die Herstellung ist günstig, die Umwelt wird entlastet, und auf der Insel könnte ein neuer Geschäftsbereich entstehen. 2018 haben die Vereinten Nationen angemahnt, Plastik nach Möglichkeit durch Naturmaterialien zu ersetzen. Und es ist die Pflicht jedes einzelnen von uns, einen Beitrag zu leisten, um zukünftigen Generationen einen sauberen Planeten zu hinterlassen.

Der lange

Der lange Weg zum Designerhut: Nieves flicht, bügelt und näht viele, viele Stunden lang. Wer ein Unikat von ihr will, muss eine gewisse Wartezeit in Kauf nehmen. Fotos: La Palma 24

Nieves Castelló blickt indessen nicht nur in die Zukunft, sondern ehrt auch die Tradition. Denn das Wissen ums Strohflechten auf der Isla Bonita droht mit dem Dahingehen der Älteren in der Versenkung zu verschwinden. Deshalb schafft die Kunsthandwerkerin schon seit einigen Jahren mit Phantasie und Geduld Kopfschmuck und Accessoires in ihrem Haus in Breña Baja, in dem sie mit ihrem Mann Fernando Rodríguez, dem Macher der Website Palmeros en el Mundo, wohnt.

Ich bin zwar nicht auf La Palma geboren, aber ich lebe hier von Kindesbeinen an. Ich teile die Leidenschaft von Fernando für die Insel und ihr Brauchtum und unterstütze ihn. Als ich mir vor circa sechs Jahren ein Hobby suchte, war klar, dass es etwas mit Mode und Tradition zu tun haben musste. Und so kam ich auf die Idee mit den Hüten…

Vom Gedanken bis zur Realisierung des ersten Sombreros ging Nieves einen langen, steinigen Weg. Allem voran musste sie jemanden finden, der ihr die alte Technik des Strohflechtens beibrachte. Und das war gar nicht so einfach, berichtet die engagierte Frau:

Ich habe lange gesucht, denn diese KunsthandwerkerInnen leben in einer ganz eigenen Welt. Nur wenige, die das Strohflechten beherrschen, wollen ihr Know-how weitergeben, und wenn, dann haben sie oft keine Zeit oder sie sind schon zu alt. Ich hatte das Glück, dass eine der wenigen Artesanas, die auf La Palma noch übrig sind, mir alles zeigte – außerdem ist Maria Nela eine der besten ihrer Zunft. Bis ich es konnte, hat es lange gedauert, aber heute kann ich fliegen (lacht).

Nimmt man den Produktionsprozess unter die Lupe, wird klar, was Nieves meint: Zuerst muss sie überhaupt mal das Rohmaterial für ihre Hüte finden – das sind die eingangs erwähnten, heute so selten auf der Insel kultivierten Roggenähren. Alles beginnt mit dem Zurechtschneiden und Putzen der Getreidestängel, dann sortiert sie das Stroh nach Länge und Farbe und wässert ihre Auswahl. Erst jetzt kann die Kunsthandwerkerin damit anfangen, mit einer ganz speziellen Technik einen Zopf zu flechten und diesen immer wieder mit einer Flasche zu bügeln. Der Zopf muss laut Nieves am Ende sage und schreibe mindestens 25 Meter lang sein, damit eine ihrer Castelló-Kreationen daraus genäht werden kann:

Ein Sombrero ist immer aus einem Stück gemacht. Ich benutze beim Zusammennähen des Zopfes keine Modellform, denn auch das ist in der herkömmlichen palmerischen Flechterei nicht üblich. Man misst immer nur den Durchmesser des Kopfes, und dann fängt man an, den Zopf in der gewünschten Form zusammenzunähen. Dies geschieht natürlich ausschließlich von Hand, und am Ende darf keine Naht sichtbar sein.

Auf die Frage, wie lange sie für einen Hut braucht, antwortet Nieves nur mit einem Lachen:

Mucho, mucho…. Man kann diese Arbeit nicht nach Stunden berechnen, sie stammt aus einem anderen Jahrhundert und erfordert viel Gelduld, denn mit Eile gelingt nichts. Das Langsame muss einem gefallen, es kommt einfach auf das Resultat an. Deshalb arbeite ich nur im Auftrag und mache Ausstellungen, damit die Leute die gestalterischen Möglichkeiten sehen können. Wer bei mir einen Sombrero bestellt, muss sich mindestens zwei Monate gedulden. Ich arbeite jeden Tag Vollzeit am Flughafen und kann mich meinem Hobby nur nach Feierabend oder am Wochenende widmen.

Schließlich sind Flechten und Sticheln nur ein Teil der Arbeit, die die Kunsthandwerke von Nieves so einzigartig und elegant macht: Wiederum mit viel Liebe zum Detail entwirft und gestaltet sie die Dekorationen, damit ihre Sombreros, Fascinators und Accessoires zu echten Hinguckern werden. Manchmal aus Federn, aber meist aus Spitze und Seide entstehen Blumen oder Hutbänder. Die Hutmacherin von La Palma wählt den Stil und die Farben nach Vorgaben der Kunden, denn der Kopfschmuck muss ja immer zu einem Kleid oder einer Tracht passen:

So kreativ designt Nieves Castelló ihre Sombreros: Hüte nicht nur für palmerische Trachten-Fiestas. Fotos: Fernando Rodríguez

So kreativ designt Nieves Castelló ihre Sombreros: Hüte nicht nur für palmerische Trachten-Fiestas, sondern für Frauen mit Mut zur Mode. Fotos: Fernando Rodríguez

Ich erfinde nichts Neues, aber ich will es etwas anders machen. Die Basis ist das Kunsthandwerk und obendrauf setze ich etwas Modisches – und so entsteht eine Fusion aus Alt und Neu. Ich habe eine Anfangsidee und dann flippe ich ein bisschen (lacht)…

Trotz all dieser mehr als zeitaufwändigen Handarbeit sagt Nieves von sich selbst, sie sei keine Kunsthandwerkerin, sondern nur eine Frau mit einem Hobby. Im Blick auf ihre Fertigkeit, ihre Geduld und ihre Kreativität darf man ihr da wohl mit Fug und Recht widersprechen. Die Kreationen von Nieves Castelló sind kleine, mit Herz und Hand geschaffene Kunstwerke. Kein Zweifel, Nieves geht voll und ganz in ihrer Arbeit auf – das geht sogar soweit, dass sie sogar den Roggen selbst anbaut:

Ich kann nicht ohne den knispernden Klang der Ähren leben, wenn ich sie mit meinen Händen falte. Ihr Geruch, ihre Farbe – das ist meine Welt, die ich mir geschaffen habe und in der ich mich glücklich fühle.

Mehr Infos auf der Facebook-Seite von Nieves.

Das sind die Hutmodelle von einst, die Nieves Castelló heute modern und neu gestaltet. Foto: Palmeros en el Mundo

Das sind die Hutmodelle von einst, die Nieves Castelló heute modern und neu gestaltet. Foto: Palmeros en el Mundo

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