
Tijarafe zeigt sich nicht auf den ersten Blick.
Der Ort liegt nicht einfach da – er entfaltet sich.

Wer die kurvige, steile Straße in Richtung El Time hinauffährt, hält oft noch einmal am Aussichtspunkt an. Der Blick fällt zurück über Los Llanos de Aridane, folgt den Terrassen hinab zum Puerto de Tazacorte und verliert sich schließlich im offenen Blau des Meeres.

Doch lässt man diesen Punkt hinter sich, verändert sich die Insel spürbar.

Der Nordwesten La Palmas beginnt.
Die Landschaft öffnet sich, ohne laut zu werden. Die Bebauung nimmt ab, die Abstände werden größer. Während die Kiefernwälder erst in höheren Lagen einsetzen, dominieren darunter offene, steil abfallende Flächen mit niedriger Vegetation, Terrassen und Häusern.

Tijarafe selbst gehört flächenmäßig zu den größeren Gemeinden der Insel. Rund 54 Quadratkilometer erstrecken sich vom Atlantik bis in höhere Lagen. Und doch leben hier nur etwa 2.700 bis 2.800 Menschen, verteilt auf kleine Ortsteile wie Aguatavar, Arecida, El Jesús oder La Punta.
Keine dichte Ortschaft, sondern ein Gefüge aus Wegen, Gärten und Einzelhäusern.
Der unscheinbare Ortskern von Tijarafe liegt direkt an der Durchgangsstraße nach Puntagorda. Entlang der Straße reihen sich Apotheke, ein kleiner Supermarkt, eine Bank und ein Bioladen; etwas weitern vorne folgt das Ayuntamiento und oberhalb die Kirche.

Die geringe Bevölkerungsdichte prägt den Charakter des Ortes.
Man hört hier mehr Stille als Verkehr.
Mehr Natur als Stimmen.

Häuser stehen frei mit Blick auf das Meer oder lehnen sich an steile Hänge. Manche sind farbig, andere aus dunklem Stein. Besonders eindrücklich sind jene Gebäude, die direkt unter Felsvorsprüngen liegen – nicht verborgen, sondern eingebettet. Architektur als Antwort auf die Landschaft, nicht als Gegenentwurf.

Zwischen all dem finden sich stille Details: eine alte öffentliche Wasserquelle aus dem Jahr 1963. Blumen, die über Mauern wachsen. Kleine Figuren an Fassaden, fast beiläufig platziert.

Sie erzählen von Alltag, von Nähe, von Menschen, die diesen Ort nicht inszenieren, sondern bewohnen.

Am Abend verändert sich alles noch einmal.

Das Licht wird weicher, der Himmel weiter.

Gold, Rosa und Blau legen sich über Hügel und Meer. Palmen zeichnen sich als dunkle Silhouetten ab, Wege verlieren sich langsam im Schatten. Dann wirkt Tijarafe nicht spektakulär – sondern wahr.

Vielleicht liegt genau darin seine Stärke.
Nicht beeindrucken zu wollen.
Sondern zu sein.

Fotos: Dezember 2025 Frank Oliver Glöckner
Von La Palma 24



















