Gastbeitrag von Harald Braem zum Thema Mumien

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Begräbnisrituale auf La Palma und anderen Inseln – ein Essay von Harald Braem

Harald Braem: Der Autor erzählt heute ein paar leicht gruselige Geschichten. Foto: La Palma 24

Harald Braem: Der Autor erzählt heute von Mumien auf den Kanaren, von Knochenkulten und auch kurz über neue Erkenntnisse zur Herkunft der Ureinwohner auf den Kanarischen Inseln. Foto: La Palma 24

 

Die Ötzis der Kanaren:

ein Zwischenbericht 2018

Harald Braem schreibt ohne Unterlass: Aus seiner Feder flossen bisher rund 750 Einzelveröffentlichungen sowie zahlreiche historische Romane, Erzählungen und Sachbücher. Einige davon drehen sich um die Kanaren und La Palma, wo der Autor ein paar Monate im Jahr in La Punta lebt. Heute veröffentlichen wir ein Essay von Harald Braem über Mumien, Knochenkulte und andere Erkenntnisse.

 

MumieSanta Cruz de Tenerife ( Spanien ). Museo de la Naturaleza y el Hombre - Guanche Sammlung: Mumie ( ca. 830 n.Chr. ) einer Frau, 20-24 Jahre alt, mit Spuren von Unterernährung, aus Barranco de Badajoz ( Güimar / Teneriffa ) Wolfgang Sauber Wiki

In Ziegenleder gehüllte Mumie einer Frau im Museo de la Naturaleza y el Hombre in Santa Cruz de Tenerife von circa 830 nach Christi. Foto: Wolfgang Sauber/Wikipedia

Zunächst müssen wir zwischen „echten Mumien“, also technisch aufwändig präparierten Körpern, und solchen unterscheiden, die auf natürliche Weise durch Wind und Wetter mumifiziert wurden, den so genannten „Dörrleichen“. „Echte Mumien“ von Ureinwohnern wurden vor allem auf Teneriffa und Gran Canaria entdeckt. Einige davon sind in Museen in Santa Cruz de Tenerife beziehungsweise in Las Palmas de Gran Canaria ausgestellt. Die Körper sind sorgfältig präpariert und in mehrere Schichten aus Ziegenleder gehüllt, die mit Drachenbaumharz verklebt wurden. Die Organe wurden zwar entnommen, aber nicht, wie im alten Ägypten üblich, gesondert in Gefäßen aufbewahrt. Manche Mumien sind angeschnallt auf Teaholzbrettern, die von der Pina canariensis, also der Kanarischen Kiefer stammen. So konnte man sie gut tragen und, falls erforderlich, später sogar in aufrechte Position stellen.

Die verschollene Höhle der 1.000 Mumien:Begräbnishöhle der Guanchen aus „Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und zu Lande oder Sammlung aller Reisebeschreibungen“ Bd. 2 / Teil IV, Leipzig 1748. Nachempfundene Gravur von C. de Putter auf der Basis der Schilderungen eines englischen Arztes - wiki

Die verschollene Höhle der 1.000 Mumien auf Teneriffa: nachempfundene Gravur von C. de Putter auf Basis der Schilderungen des englischen Arztes Thomas Nichols auf Wikipedia.

Traurige Berühmtheit erlangte die „Höhle der 1000 Mumien“, eine Begräbnishöhle im Süden Teneriffas im  Barranco Herques – die genaue Lage ist heute nicht mehr bekannt, oder die wenigen informierten Einheimischen machen ein Geheimnis darum. Der englische Arzt Thomas Nichols war der erste Ausländer, der 1652 das zentrale Beinhaus besichtigen durfte. 1772 beschreibt José Viera y Clavijo noch mit Bewunderung den erstaunlich guten Zustand der dort aufbewahrten Mumien. Bald darauf wurden in einem relativ kurzen Zeitraum hunderte von Guanchenmumien aus der Höhle gestohlen, per Schiff nach Europa verfrachtet und dort vor allem von einem Apotheker in Lübeck zu Pulver zermahlen. Das Wundermittel fand damals ähnlich wie Drachenzähne und Einhornpulver weltweit reißenden Absatz.

La Palma: “Ötzis” in den Höhlen

Die meisten auf La Palma gemachten Funde sind „Dörrleichen“ wie Ötzi. Sie wurden zur Bestattung in kleinere Höhlen gebracht, manchmal mit Grabbeigaben versehen, deren Eingänge mit Steinen in Trockenbauweise verschlossen wurden. Es sind allerdings auch einige wenige Höhlenfriedhöfe bekannt, die schwer zugänglich in den Felswänden liegen. Im Laufe der Jahrhunderte sind sie ausgeplündert worden. Der letzte Raub fand in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts statt. Mumien und Knochenteile wurden auch in den „Vetas“ gefunden. So werden die unterirdischen, oft weit verzweigten Tunnelröhren genannt, die durch vulkanischen Gasdruck entstanden sind. Sie galten bei den Ureinwohnern als Einstieg in die Unterwelt. Interessanterweise liegen noch heute auf manchen Vetas Tabus, zum Beispiel auf Teneriffa und La Palma. Einheimische, die man zum Thema befragt, wissen wenig Antwort oder scheuen sich, darüber zu sprechen.

Begräbnishöhle i Barranco San Juan bei

Foto oben: Begräbnishöhle im Barranco San Juan bei San Andrés y Sauces. Foto unten links: eine Nekropolis im Barranco de Fernando Porto in Garafía, gefunden 1996. Foto unten rechts: Oberarmknochen, entdeckt in einer Begräbnishöhle am El Time bei Tijarafe. Fotos: MAB

Es wurden vor allem Personen höheren Ranges mumifiziert, etwa die Mencey genannten Stammeskönige, die bei Ratsversammlungen als Bindeglied zur Welt der Ahnen im Kreis namens Tagoror saß. Es wird berichtet, dass es noch bis zum Jahr 1600 auf La Palma durchaus üblich war, einen mumifizierten Vorfahren als Zeugen mit zum Notar zu bringen, etwa bei wichtigen Verträgen, die Land- oder Wasserrechte betrafen. Diese Praxis wurde von der Kirche als „heidnischer Götzenkult“ verurteilt und mit gesetzlichem Dekret unter Strafandrohung verboten. Es wird ferner von einem Ereignis berichtet, das irgendwann danach noch stattgefunden haben soll. Diesmal wurde zwar keine komplette Mumie mit zum Notar gebracht, aber ein Teil davon: Beim Unterschriftsakt zog einer der Anwesenden plötzlich eine mumifizierte Knochenhand aus dem Umhang und unterzeichnete damit den Vertrag.

Danach sind auf La Palma wohl keine Vorfälle dieser Art mehr bekannt. Es wurden aber bei archäologischen Ausgrabungen an verschiedenen Stellen der Insel menschliche Fingerknochen gefunden, die eine besondere Eigenschaft aufweisen: Sie sind zum Teil mehrfach durchbohrt, wurden also als Schmuck oder Kultobjekt benutzt.

Ein Huesero: Skizze von Harald Braems Ehefrau Sylvia Catharina Hess, die sich als Malerin - auch vieler palmerischer Motive - einen Namen gemacht hat.

Ein Huesero: Skizze von Harald Braems Ehefrau Sylvia Catharina Hess, die sich als Malerin – auch vieler palmerischer Motive – einen Namen gemacht hat. Hier geht sie auf die vor der Brust hängenden Musikinstrumente aus Knochen namens Hueseras ein.

In diesem Zusammenhang weise ich in einem kleinen gedanklichen Exkurs auf die so genannten „hueseras“ hin, archaisch anmutende Musikinstrumente, die aus einer Reihe von Knochen bestehen. Sie hängen vor der Brust, und auf ihnen wird mit einem weiteren „Spielknochen“ oder Kastagnetten musiziert. Solche Musiker treten in einigen Regionen des spanischen Festlands und auf den Kanaren immer noch in traditionellen Folkloregruppen auf, zum Beispiel auf dem Mandelblütenfest in Puntagorda im Nordwesten von La Palma. Es handelt sich allerdings um Tierknochen.

Knochenkulte in aller Welt

Ahnenverehrung und menschliche Fingerknochen, denen magische Bedeutung zugesprochen wird, sind weltweit in verschiedenen alten Kulturen bekannt. Ich nenne nur Stonehenge als Europas größten Verehrungsplatz für Ahnenknochen, die Zauberer und Nagelfetische aus Zentralafrika, die stets einen Vorrat an Ahnenknochen bei sich tragen, und gewisse Zeremonien der australischen Aborigines. Was letztgenanntes Beispiel anbelangt, veranschaulicht der australische Spielfilm „Die letzte Flut“, der auf einer wahren Begebenheit beruhen soll, die Thematik. Dort wird ein abtrünniges Mitglied der Stammesgemeinschaft zu Tode gebracht, indem mit dem Fingerknochen eines Ahnen auf ihn gezeigt wird. Der Fluch trifft ihn und er ertrinkt in einer winzigen Wasserpfütze.

Selbst die christliche Kirche verehrt Knochen von Heiligen in Reliquienschreinen. Die Assoziationen und Gedankengänge sind uns also nicht so fremd, wie es auf den ersten Blick scheint. Wir sollten uns kurz daran erinnern, dass es auch in Deutschland lange Zeit üblich war, die Haare eines geliebten Verstorbenen als Schmuckamulett zu tragen.

Informationen zum Leben und Sterben der Benahoaritas auf La Palma gibt es im Museo Arqueológico Benahoarita in Los Llanos: Dieses Bild ist dem Zusammensein in den Höhlen nachempfunden. Foto: La Palma 24

Informationen zum Leben und Sterben der Benahoaritas auf La Palma gibt es im Museo Arqueológico Benahoarita in Los Llanos: Dieses Bild ist dem Zusammensein in den Höhlen nachempfunden. Foto: La Palma 24

Menschliche Körperteile, zumal wenn sie alt beziehungsweise mumifiziert sind, erregen immer großes Interesse und beim einzelnen Betrachter ein seltsam gemischtes Gefühl. Wir besuchen Beinhäuser in Katakomben, Klöstern und Kirchen oder die makabren Inszenierungen der „Körperwelten“ des Herrn Hagen. Selbst kleinste Knochensplitter, sofern sie nur vom Menschen sind, können zum gruseligen Eyecatcher werden, wie ein Beispiel im archäologischen Museum von Los Llanos auf La Palma zeigt. Sie sind von etwa gleich alter Lava umschlossen, was nur zwei Schlussfolgerungen zulässt: Entweder handelt es sich um Opfer eines Vulkanausbruchs, vergleichbar Pompeji, oder die Lava floss durch einen Friedhof der Ureinwohner.

Mumienfunde auf La Palma

Ein interessanter Sonderfall dürfte ein Mumienfund 2017 an der Ostküste von La Palma unterhalb von Puntallana sein. Hier wurde der Körper eines Mannes nicht, wie sonst bei „echten Mumien“ auf den Kanaren üblich, in Ziegenleder gehüllt, sondern ins Leder eines asturischen Hirsches. Diese Tierart hat auf La Palma nie existiert. Es stellen sich also diverse Fragen: Wer war der Mann? Woher kam er, wann und wie? Wie gelangte das Hirschfell nach La Palma?

Es sind hartnäckige Gerüchte im Umlauf, dass es erst kürzlich zu weiteren Mumienfunden auf La Palma gekommen ist. Die einheimischen Entdecker sollen sich weigern, Behörden oder Wissenschaftler einzuschalten, und wollen die Angelegenheit lieber „auf ihre Weise“ regeln. Es ist unklar, was damit gemeint ist. Hoffen wir das Beste im Sinne der Wissenschaft.

Buch von Harald Braem: Darin geht er der Frage nach, woher die Ureinwohner von La Palma tatsächlich gekommen sind.

Buch von Harald Braem: Darin geht er unter vielem anderen auch der Frage nach, woher die Ureinwohner von La Palma tatsächlich gekommen sind.

Neue Fragestellungen zur Herkunft der kanarischen Ureinwohner liefert die Genetik. Aktuell durchgeführte Untersuchungen an drei Gruppen – Mumien, kanarische Einwohner des 17. und 18. Jahrhunderts sowie heutige Inselbewohner – brachten eine spezielle Gensequenz namens U6b1 zutage, die typisch für die Kanaren ist, aber wissenschaftlich bislang nicht bekannt war. Der Abschlussbericht fasst zusammen: Etwa 55 Prozent aus den Familien der Urbevölkerung weisen gewisse Ähnlichkeiten mit Maghrebinern auf, was auf eine Herkunft aus dem westlichen Nordafrika hindeuten kann. Da aber circa 45 Prozent die ältere, in Nordafrika nicht vertretene DNA-Sequenz U6b1 besitzen, bleibt die genaue Herkunft der ersten Siedler weiterhin unbekannt.

Harald Braem

 

Wer mehr über Harald Braem erfahren will, liest unsere Reportage über das spannende Leben des vielseitigen Mannes. Noch mehr Infos gibt es auf seiner Website. Übrigens ist eine im Zech-Verlag erschienene, überarbeitete Neuauflage des archäologischen Reiseführers für die Kanaren von Harald Braem Auf den Spuren der Ureinwohner in einigen Läden auf La Palma erhältlich und kann bei Internet-Vertrieben wie Amazon bestellt werden. ISBN 978-84-934857-3-3.

 

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