Quallen im Atlantik um La Palma

Portugisische Galeere - Georg Maghon Foto

Quallen im Atlantik um La Palma – Gespräch mit Meeresbiologe Georg Maghon

 

Unangenehme Begegnungen im Meer:

Erste Hilfe-Tipps vom Experten

ddd

Leuchtqualle Pelagia noctiluca: eine der Arten, die im Meer um La Palma vorkommen können, unter Wasser treiben und stark nesseln. Meeresbiologe und Tauchpartner-Chef Georg Maghon hat sie schon öfter mit der Kamera erwischt.

Keine Panik: Die Meereswelten um die Isla Bonita sind alles andere als ein von Quallen wimmelndes Gebiet. Aber natürlich verirren sich die unangenehmen Meeresbewohner hie und da auch mal hierher – derzeit zum Beispiel taucht vermehrt die gefürchtete Portugiesische Galeere auf. Welche Medusen sind im Atlantik um La Palma unterwegs? Wie kann sie rechtzeitig erkennen, und was tut man im Falle einer Verätzung? Darüber sprachen wir mit Georg Maghon, der sich als Meeresbiologe und Chef von Tauchpartner La Palma bestens mit den „lieben Tierchen“ auskennt.

 

Georg, allgemein ist zu lesen, dass in den vergangenen Jahren weltweit eine massive Quallenvermehrung zu beobachten war…

Georg Maghon: Die starke Quallenvermehrung kennt man unter anderem aus Japan, wo die Nomura Qualle mit 200 Kilo Gewicht und einem Durchmesser von zwei Metern die Fischerei massiv behindert. Insbesondere die Netze der Fischer sind aufgrund der Masse gefährdet.

Gilt das auch für La Palma, und welche Medusen trudeln hier ein?

Georg Maghon: Auf La Palma sehen wir vor allem im Frühjahr – abhängig von Strömungen und Windrichtung – nesselnde Quallen wie die sogenannten Perlenketten und derzeit wieder vermehrt die Portugiesischen Galeeren. Im Sommer 2006 und 2008 haben wir sehr viele Perlenkettenquallen entdeckt. Diese Art gehört wie die Portugiesische Galeere zu den Staatsquallen, die unter der Wasseroberfläche mit den Strömungen treiben. Eine weitere hier vorkommende Art ist die Leuchtqualle Pelagia noctiluca, die ebenfalls stark nesselt und unter Wasser treibt – sie war 2006 und 2014 besonders häufig anzutreffen.

Wie können Schwimmer oder Taucher die derzeit umhertreibenden Portugiesischen Galeeren rechtzeitig erkennen?

Portugiesische Galeeren: Die nicht ungefährliche Quallenart wird derzeit in den Gewässern um La Palma gesichtet. Fotos: Georg Maghon

Portugiesische Galeeren: Achtung: Der Glibber der fiesen Viecher ist auch noch tagelang gefährlich, nachdem sie an Land gespült wurden! Fotos: Georg Maghon

Georg Maghon: Die Portugiesische Galeere schimmert bläulich und nutzt ihre bis zu 30 Zentimeter große Gasblase als Segel, das heißt, sie ragt aus dem Wasser hervor. So können Schwimmer sie eher sehen als Taucher. Entdeckt man eine solche Gasblase, sollte man nicht lange überlegen, ob es sich dabei um eine Plastiktüte handelt, sondern ganz schnell an den Strand schwimmen oder ins Boot hüpfen. Denn die zahlreichen blauen Tentakel der Portugiesischen Galeere mit ihren Nesselkapseln können bis zu 80 Meter lang werden!

Was macht man, wenn einen eine Portugiesische Qualle erwischt, und woher weiß man überhaupt, dass es eine Physalia physalis war?

Georg Maghon: Typisch für den Kontakt mit einer Portugiesischen Galeere sind brennende, sehr schmerzhafte Wunden, die aussehen wie nach einem Peitschenschlag. Das Nesselgift kann alle möglichen Folgereaktionen von Muskelkrämpfen und Durchblutungsstörungen über Herzrhythmusstörungen bis hin zum allergischen Schock auslösen. Deshalb sollten Kinder und ältere Menschen auf jeden Fall vorsorglich ärztlich untersucht werden. Wenn Schwindel, Atemnot, Benommenheit, Übelkeit oder Herzrasen auftreten, sollte man sofort die Notrufnummer 112 wählen. Dann kommt der Krankenwagen.

Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen am Strand gibt es?

Georg Maghon: Ein Helfer sollte sich unbedingt selbst schützen – in diesem Fall sind Latexhandschuhe die erste Wahl. Bei der verletzten Person muss man zunächst die betroffene Stelle mit Meerwasser abspülen! Das ist ganz wichtig, denn Süßwasser oder die oft fälschlicherweise empfohlenen Essigspülungen würden auch bis dahin noch inaktive Nesselkapseln zum Aufplatzen bringen. (Anmerkung der Redaktion: Dr. Herold schreibt im Leserbrief unten, dass neuesten Forschungen zufolge 5-prozentige Essiglösung doch zum Spülen geeignet ist.) Ebenfalls beachten: Nur Abspülen und niemals im Wundbereich reiben! Sollten noch blaue Tentakel auf der Haut sein, muss man sie vorsichtig mit einer Pinzette abheben. Dann reinigt man die Wunde mit Jodalkohol und fragt zur weiteren Behandlung am besten einen Arzt.

Am Strand hat man aber nicht unbedingt immer eine Pinzette oder Jodalkohol dabei…

Perlenketten: Auch diese Quallenart hat Gerog Maghon bei seinen Tauchgängen schon in den Meereswelten um La Palma gesichtet und fotografiert.

Perlenketten: Auch diese Quallenart hat Gerog Maghon bei seinen Tauchgängen in den Meereswelten um La Palma gesichtet und fotografiert.

Georg Maghon: Dann hilft als schnelle Maßnahme nach dem Abspülen mit Meerewasser auch, die betroffenen Stellen mit Sand zu bestreuen und trocknen zu lassen. Danach muss der Sand mit einem stumpfen Gegenstand wie etwa einem Personalausweis oder einem Messerrücken ganz vorsichtig abgelöst werden. Es geht darum, keine Nesselkapseln auf der Haut oder in den Körperhaaren zurückzulassen. Auch die Schwimmbekleidung sollte untersucht werden, damit beim Auskleiden keine weiteren Vernesselungen entstehen.

Gelten diese Maßnahmen für Attacken von allen Quallenarten?

Georg Maghon: Grundsätzlich gilt: Tentakel entfernen, Wunden mit Eis kühlen, um die Schmerzen zu dämpfen und Einsatz von warmem Wasser auf der Wunde bis maximal 45 Grad Celsius zur Denaturierung  der Proteine. Gegen die Schmerzen können Tabletten wie zum Beispiel Ibuprofen eingenommen werden. Außerdem verabreichen Ärzte meist Antihistaminsalben oder –spritzen.

Warum ist das Gift der Portugiesischen Galeere so gefährlich?

Georg Maghon: Das Gift ist ein Gemisch aus verschiedenen Proteinen, die von bis zu 1.000 Nesselzellen pro Tentakel-Zentimeter mit hohem Druck in ein Opfer gepumpt werden. Das verursacht die starken Schmerzen. Erreicht das Gift die Lymphknoten, werden die Schmerzen noch stärker. Diese Nesselzellen bleiben übrigens tagelang gefährlich – also aufpassen, wenn man Quallen am Strand findet!

Karettschildkröte

Die auf den Kanaren heimische Caretta Caretta: Die tollen Tiere sind die natürlichen Feinde der qualligen Quälgeister. Leider sind sie gefährdet – insbesondere durch Plastiktüten und Fischernetze, die im Meer treiben. Foto: Georg Maghon

Hat ein solches Meeresungeheuer eigentlich natürliche Feinde?

Georg Maghon: Ja, zum Beispiel die auf den Kanaren heimische Unechte Karettschildkröte Caretta caretta oder auch Mondfische haben die Portugiesische Galeere zum Fressen gern.

Warum gibt es trotz der Feinde der Quallen weltweit eine Zunahme der Medusen?

Georg Maghon: Quallenplagen sind zuweilen in den Sommermonaten zu beobachten, also wenn das Meer sehr warm wird. Und dann natürlich in Gebieten, die überfischt sind, so dass die natürlichen Fressfeinde den Quallen nicht gefährlich werden können. Einigkeit besteht in der Wissenschaft, dass Quallenplagen auf die weltweite Überfischung der Meere zurückzuführen sind. Auch die Überdüngung der Ozeane gilt als fördernder Faktor.

Georg Maghon: Der Meeresbiologe und seine Frau Barbara betreiben in Puerto Naos das Dive Center namens Tauchpartner.

Georg Maghon: Der Meeresbiologe und seine Frau Barbara betreiben in Puerto Naos das Dive Center namens Tauchpartner.

Wie sieht es in dieser Hinsicht auf La Palma aus? Immerhin gibt es im Westen der Insel ein großes Meeresschutzgebiet?

Georg Maghon: Das Vorkommen von Quallen vor den Küsten von La Palma  ist insbesondere durch Winde und Meeresströmungen bedingt und hat eigentlich nichts mit der Reserva Marina zu tun. Das heißt, im Atlantik vor La Palma treten Quallen in manchen Jahren mehr und in manchen Jahren weniger auf – in manchen Jahren entdeckt man fast keine. Das vermeintliche Meeresschutzgebiet ist eigentlich ein Fischereischutzgebiet! Es reicht von Charco Verde bis ans Ende der Playa Zamora. In der inneren Zone  – also von südlich von El Remo bis hinter das Hotel Princess – darf nicht gefischt werden. Hier sollen die traditionellen Fischarten nachwachsen, die dann in die äußeren Gebiete wandern, um die heimische Fischerei zu unterstützen und zu erhalten.

Georg, wir danken Dir für das Gespräch, die tollen Fotos und die wertvollen Infos für alle, die sich gern mal im Atlantik tummeln!

 

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2 Antworten zu "Quallen im Atlantik um La Palma"

  1. derma-lp  23. marzo 2018 at 09:37

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    vielen Dank für den informativen Artikel über die Portugiesische Galeere.
    Die Aussagen von Herrn Maghon bezüglich geeigneter 1.Hilfe-Maßnahmen nach Quallenkontakt sind jedoch korrekurbedürftig. In einer Publikation, die im letzten Jahr erschienen ist (Wilcox et al., Toxins 2017,9,149) , wurde die Effektivität von 5%iger Essiglösung experimentell eindeutig dargelegt. Vielleicht können Sie dies Herrn Maghon mitteilen – mich würde seine Meinung dazu interessieren. Abgesehen davon ist völlig klar: Niemals Süßwasser verwenden!
    Dr. Dietmar A. Herold
    Arzt für Dermatologe/Allergologie
    Berlin
    Todoque, La Palma

  2. Georg  23. marzo 2018 at 12:54

    Sehr geehrter Herr Dr. Herold,
    vielen Dank für Ihre Anmerkung hinsichtlich der Verwendung von Essiglösungen. Lange Zeit wurde diese verwendet bei Vernesselungen durch Quallen.
    Zwischenzeitlich wurde Hitze als Mittel der Wahl propagiert da es sich bei den Nesseln um Proteine handelt. Allerdings ist bei tieferem Eindringen in die Haut eine Denaturierung der Proteine schwierig und nur bei schneller Behandlung u. b. Körperteilen m. dünner Oberhaut. Ein weiterer Nachteil ist die kurzfristige Beschaffung von heißem Wasser am Strand.

    Es ist erfreulich daß die o.g. Studie die Wirkug von Essig bestätigt wurde. Zumal Essig leicht und schnell zu beschaffen ist.

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